US-Außenpolitik
Tims Toleranz

Scharfe Töne wird der US-Finanzminister Geithner bei seinem ersten Besuch in Peking wohl nicht anschlagen. Jetzt auszuteilen ist auch sinnlos - schließlich brauchen Volkswirtschaften in Supertanker-Größenordnung viel Zeit, bevor ihr Schiff auf eine Kursänderung reagiert. Die allerdings muss kommen.
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Kein Mr. Manipulator mehr - der US-amerikanische Finanzminister Timothy Geithner besucht in der kommenden Woche Peking, zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt. Aggressive Worte wie im Januar, als er China mit dem Vorwurf von Währungsmanipulationen attackierte, wird es dabei aber voraussichtlich nicht geben. Die Verbalgranaten wird Geithner wohl zuhause lassen.

Stattdessen wird Geithner China ermuntern, den Transformationsprozess von einer exportgetriebenen Wirtschaft zur stärker binnenwirtschaflich orientierten, auf dem Inlandskonsum basierenden zu beschleunigen. Ein bisschen weltfremd wirkt die Aufforderung schon. Der private Verbrauch in China wächst, ist aber immer noch winzig für eine so große Volkswirtschaft. Das 4-Billionen-Renminibi-Konjunkturprogramm (585 Milliarden US-Dollar) ist da allenfalls ein temporärer Lückenfüller.

Der chinesische Premier Wen Jiabao wird zweifellos auch ein paar weltfremde Bitten auf Lager haben, darunter wahrscheinlich die Aufforderung an die USA, bei ihren Konjunkturmaßnahmen auch an den Wert des Dollar zu denken, von dem 1,7 Billionen in chinesischen Währungsreserven schlummern. Die Billionen-Dollar-Defizite der USA lassen Geithner kaum die Möglichkeit dazu, aber zweifellos wird Geithner die Bitte der Chinesen gern annehmen.

Die Politik der freundlichen Töne ist schön und gut, solange sie sich durchhalten lässt. Keiner Seite wäre damit gedient, auf die andere einzuschlagen. Schließlich sind die beiden wirtschaftlichen Supertanker noch immer aneinander gekettet. Amerika braucht China, damit es einen Abnehmer für seine Staatsanleihen findet, durch die die gigantischen US-Defizite finanziert werden. China bleibt der wichtigste Abnehmer der USA.

Dadurch aber sollte nicht verschleiert werden, dass die chinesisch-amerikanischen Handelsbeziehungen einer Neuordnung bedürfen. Schließlich muss der chinesische Exportsektor schrumpfen - mit schmerzhaften Konsequenzen für die dadurch freigesetzten Arbeitskräfte. Die Leistungen aus der chinesischen Sozialversicherung - ein wesentlicher Einflussfaktor auf die Neigung zu konsumieren anstatt zu sparen - betragen nach Angaben von Morgan Stanley, über die gesamte Lebenszeit gerechnet, gerade einmal 60 Dollar pro Person.

Die Anpassung sollte auch einen weiteren Anstieg des Renminbi gegenüber dem Dollar beinhalten. Pekings frühere Politik der schrittweisen Aufwertung, durch die die Währung in den vergangenen dreieinhalb Jahren um 20 Prozent stieg, wurde mit dem Beginn der Krise auf Eis gelegt. Ein teurerer Renminbi würde es den USA erleichtern, ihr Handelsbilanzdefizit zu verringern und chinesische Konsumenten zu animieren, billige Güter zu importieren.

Geithner hat inzwischen gelernt, dass Vorwürfe nutzlos sind. Supertanker-Volkswirtschaften zu einer Kursänderung zu bewegen, braucht Zeit. Aber die Richtung wechseln müssen sie.

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