US-Autoindustrie in der Krise
GM Chrysler: Das eigentliche Problem

Die US-Regierung drängt die Gläubiger von GM und Chrysler, in einem Schuldenswap Aktienkapital der beiden Autobauer anzunehmen. Das wäre gut und schön, wenn das Kapital etwas wert wäre. Dies könnte der Fall sein, wenn die beiden Firmen fusionierten und Kosten senkten.
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Die US-Regierung setzt die Gläubiger von General Motors (GM) und Chrysler unter Druck, zur Sanierung der beiden angeschlagenen Autobauer beizutragen, indem sie der Umwandlung von Schuldtiteln in Aktienkapital zustimmen. Das könnte funktionieren, wenn die Kapitalgeber zu der Ansicht gelangten, dass das Kapital etwas wert ist. Und das könnte der Fall sein - wenn die beiden Firmen fusionieren und die Kosten beträchtlich senken würden.

Das Problem ist nur, dass die US-Regierung es offenbar vorzieht, Chrysler retten zu wollen, indem sie Fiat als Minderheitsaktionär ins Spiel bringt. Es liegt auf der Hand, warum diese Option den politisch Verantwortlichen gefällt. Chrysler würde auf diesem Weg potenziell eigenständig weiter arbeiten können, wodurch - theoretisch - viel mehr Arbeitsplätze gerettet werden könnten.

Doch bei allem gebührenden Respekt vor den Stärken der italienischen Gruppe - zu denen auch ein kompetentes Management gehört: Es gibt einen besseren Weg, eine überlebensfähige amerikanischen Autoindustrie zu gestalten. Anstatt für Chrysler eine zweifelhafte Zukunft als unabhängiges Unternehmen anzustreben, sollte die US-Regierung alles daran setzen, Chrysler und GM zusammen zu schweißen.

Das hört sich zunächst wie ein Verstoß gegen jede Intuition an. Wie sollte denn das amerikanische verarbeitende Gewerbe profitieren, wenn von drei nur noch zwei Autoproduzenten übrig blieben? Eine Fusion unter den Vorzeichen des Gläubigerschutzes wäre schmerzhaft: Tausende von Stellen würden abgebaut, Fabriken geschlossen, Marken ausgelöscht und Verbindungen zu Händlern gekappt.

Doch bei dem Versuch, der US-Autoindustrie auch nur annähernd zu ihrem früheren Schwung zu verhelfen, ist eine Kürzung der Kapazitäten genau so Ausschlag gebend wie der Abbau der Schulden und der Verpflichtungen für die Gesundheitsversorgung der Mitarbeiter über zusammen 91 Mrd. Dollar, die schwer auf Chrysler und GM lasten.

Sicher, die Autobauer aus Motown haben in den zurückliegenden Jahren schon viele Einschnitte vorgenommen. Aber das eigentliche Problem besteht fort: Sie stellen zu viele Autos her und verkaufen zu wenige. Und sie verlieren weiter Marktanteile. Daran wird auch eine Partnerschaft zwischen Chrysler und Fiat nichts ändern. Doch eine Verschmelzung der Nummer Drei aus Detroit mit GM könnte etwas bewirken.

Auch für die Gläubiger wäre dabei mehr drin. Als im vergangenen Oktober die Idee einer Fusion aufkam, veranschlagten die beiden Unternehmen die potenziellen Kosteneinsparungen auf bis zu zehn Mrd. Dollar im Jahr. Aber gehen wir von einem konservativeren Ansatz aus. Wenn GM die Chrysler-Bereiche Leichte Lkw, Geländewagen und Jeeps übernehmen würde, könnten fünf Mrd. Dollar eingespart werden.

Der Barwert dieser Einsparungen läge bei etwa 30 Mrd. Dollar. Das ist mehr als die Verbindlichkeiten über 23 Mrd. Dollar, mit denen Chrysler heute bei vorrangigen Gläubigern, bei der Regierung und bei den Mitarbeitern in der Kreide steht.

Das sollte ausreichen, um die Kapitalgeber und die Gewerkschaften von Chrysler und GM davon zu überzeugen, ihre Forderungen an die Firma gegen Kapital an der fusionierten Gesellschaft zu tauschen. Denn derzeit würden diese Gläubiger wohl nur Cents für den Dollar erhalten und ein paar Aktien - oder im Falle der Anleiheinhaber von GM nur Aktien.

Aber die beiden unabhängigen Firmen müssten dann immer noch die Kapazitäten reduzieren. Außerdem würden sie weitere Milliardenhilfen benötigen, die dann früher bedient würden, falls eine oder beide Firmen es dennoch wieder nicht schaffen würden.

Die Fusionssynergien allerdings geben dem möglichen Wert des Eigenkapitals einen beträchtlichen Auftrieb. Seien wir einmal gnädig und nehmen an, dass der Betriebsertrag von GM drei Prozent des im Mittel der Prognosen veranschlagten Umsatzes für 2011 von 135 Mrd. Dollar erreicht. Nach Steuern beliefe sich deren Barwert auf etwa 28 Mrd. Dollar. Rechnet man dazu die möglichen Ergebnisse einer verschlankten Chrysler dazu, dann könnte man auf 33 Mrd. Dollar kommen.

Erweitert um den Wert der Synergien könnte eine fusionierte GM-Chrysler für die Gewerkschaften, Geldgeber und die US-Regierung rund 63 Mrd. Dollar an Wert abwerfen. Selbst wenn die Regierung noch einmal 40 Mrd. Dollar beisteuern müsste, um die Firma über Wasser zu halten, würde dies immer noch implizieren, dass die Verbindlichkeiten des zusammengelegten Produzenten zu 50 Prozent eingebracht würden. Das übertrifft die derzeit unter den Interessensgruppen zirkulierenden Angebote - und präsentiert eine Firma mit größeren Überlebenschancen.

Leider impliziert dies, dass die Regierung einen Teil des Geldes, das sie seit Dezember in die Autobauer gesteckt hat, verlieren würde. Aber dies ist ohnehin bereits der Fall. Beide Unternehmen zusammen zu schweißen, hat den politischen Vorteil, einen rentablen Autohersteller zu schaffen, der in einer besseren Ausgangslage ist, etwas von dem Geld auch wieder zurückzuzahlen.

Auch Fiat würde bei diesem Szenario nicht völlig leer ausgehen. Die Italiener könnten einige der nicht mehr benötigten Fertigungsanlagen und Mitarbeiter von Chrysler übernehmen, um Alfa Romeos und Cinquecentos zu bauen. Und wenn Fiat-Chef Sergio Marchionne damit Recht behält, dass es bald nur noch eine Hand voll großer globaler Autoproduzenten geben wird, gibt es keinen Grund, warum er dann nicht immer noch eine Allianz mit der fusionierten GM-Chrysler eingehen könnte. Und wer weiß, vielleicht bekommt er gar noch die Chance, das Unternehmen zu leiten.

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