US-Autos vs. US-Banken
Warum Motown härter behandelt werden muss als Wall Street

In die großen Banken haben die USA sehr viel Geld gepumpt, aber den Autobauern drohen sie mit Bankrott. Klingt hart, ist aber gerechter als es scheint. Es trifft zwar zu, dass Detroit auf ungeheuerliche Beispiele aus der Finanzbranche zeigen kann, aber das schon seit Langem marode Detroit-Modell schreit nach Korrekturen von harter Hand.
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So, wie der Staat mit den US-amerikanischen Autobauern umgeht, müssen sie sich stiefmütterlich behandelt fühlen. Schließlich haben Bank of America und Citigroup, jede für sich, mehr als doppelt so viel staatliche Hilfen kassiert wie Chrysler und General Motors gemeinsam. Beide Banken müssen inzwischen keinen unmittelbaren Insolvenzgefahren mehr ins Auge blicken. Aber in Detroit muss Washington tatsächlich mit härterer Hand durchgreifen als an der Wall Street.

Natürlich kann Motown mit dem Finger auf einige unerhörte Rettungsaktionen im Finanzsektor deuten, die in der Tat die Bevorzugung zu belegen scheinen. Zu nennen sind hier vor allem die 180 Milliarden Dollar, die ratenweise und offensichtlich ohne viele Fragen an American International Group flossen - ein Berg von Steuergeldern, der wohl nie in vollem Umfang an die Steuerzahler zurückfließen wird. Und die Banken haben sich Exzessen schuldig gemacht, die unbedingt eingedämmt werden müssen, darunter auch die Vergütungsmechanismen, die die Übernahme exzessiver Risiken auch noch belohnten.

Das AIG-Fiasko darf nicht zum Präzedenzfall werden. Und die meisten anderen Finanzunternehmen werden durchaus nicht ungeschoren davonkommen. Unter den kleineren sind bereits einige zusammengebrochen. Bei den anderen hat der freie Fall der Aktienkurse die Anleger und auch die Angestellten heftig gebeutelt. Darüber hinaus gingen nach Angaben des Outplacement-Unternehmens Challenger, Gray & Christmas in den vergangenen zwei Jahren rund 430 000 Arbeitsplätze im Finanzsektor verloren.

Natürlich können Interessengruppen der Motown-Produzenten ähnliche Härten und Opfer beklagen. Und beide Branchen können die illiquiden Kreditmärkte für ihre Sorgen verantwortlich machen. Aber der Zusammenbruch einer großen Bank kann weitaus größere und unmittelbarere Folgen für die Wirtschaft haben - wie die Pleite von Lehman Brothers bewies. GM argumentierte zunächst, dass ein Zusammenbruch des Autokonzerns zu ähnlichen Auswirkungen führen würde - allerdings haben die Manager diesen Argumentationsstrang inzwischen fallengelassen. Wie dem auch sei, die Regierung hat Vorkehrungen getroffen, die möglichen Folgen abzumildern. Sie garantiert die Einhaltung bestimmter Zusagen und hat ein Programm aufgelegt, über das Zahlungen an Zulieferer der drei Großen aus Detroit unterstützt werden können.

Allerdings ist die Angst vor Dominoeffekten im Bankensektor nicht der einzige Grund für die unterschiedliche Herangehensweise in den beiden Branchen. Finanzunternehmen haben weitaus flexiblere Kostenstrukturen: sie können viel schneller Personal und Büroräume abbauen, um die Profitabilität wieder herzustellen. Im Gegensatz dazu umfasste GMs jüngster Umstrukturierungsplan einen Fünfjahreszeitraum - und die Stunde für das fehlgeschlagene Geschäftsmodell der Detroiter Autobauer schlug schon vor mindestens fünf Jahren.

Hinzu kommt, wenn die Liquidität zurückkehrt, dürften sich einige Finanzwerte schnell erholen. Das heißt, die Banken werden voraussichtlich einige ihrer Verluste wieder wettmachen können. Chrysler und GM können dagegen bei den Autoumsätzen nicht in die gleiche Trickkiste greifen - sie gewähren dagegen in der Regel Rabatte, um ihre hohen Lagerbestände abzubauen, wodurch sie zusätzlich unter Druck geraten.

Das bedeutet, GM und Chrysler werden wahrscheinlich noch weniger dazu in der Lage sein, die staatlichen Hilfen zurückzuzahlen, als die meisten Banken - eine Reihe kleiner Institute hat tatsächlich schon Gelder zurücküberwiesen, während Goldman Sachs, JPMorgan und Konsorten damit noch warten, bis die Stresstests des Schatzamts abgeschlossen sind. Die Regierung sollte sicherstellen, dass diese Tests auch ernst genug ausfallen. Insgesamt aber rechtfertigt die Hartnäckigkeit der Probleme in Detroit die strengere Behandlung. Das klingt vielleicht hart, aber es ist gerechter als es aussieht.

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