US-Banken
Kampf der Kulturen bei Merrill Lynch

Der ehemalige Goldman-Starhändler Tom Montag hat Merrill Lynch neu ausgerichtet. Als Flügelmann soll ihm nun der einflussreiche Andrea Orcel dienen, der die Investmentbank, begleitet von drei globalen Co-Leitern, führen soll. Das Revirement sieht wie ein Versuch aus, Egos zu beschwichtigen und die unterschiedlichen Management-Stile dreier Banken zusammenzurühren. Es dürfte keinen Bestand haben.
  • 0

Es ist schwer genug, zwei unterschiedliche Bankenkulturen miteinander zu vereinbaren. Die Bank of America (BofA) will nun offenbar gleich drei Management-Stile verschmelzen, nachdem das Kreditinstitut Merrill Lynch gekauft und einem ehemaligen Starhändler von Goldman Sachs den Spitzenposten anvertraut hat. Der US-Bankenriese könnte zwar durchaus Erfolg haben - dabei aber mit dem jeweils Schlechtesten enden.

Die BofA hat einen Umbau der Führungsebene in den Bereichen Corporate Finance und in der Finanzberatung angekündigt, nachdem Tom Montag, der ehemalige Starhändler von Goldman Sachs, vor einem Monat auch diese Sparten seinem Mandat für die Märkte einverleibt hatte. Die kurze Herrschaft des BofA-Veteranen Brian Moynihan konnte viele Mitarbeiter von Merrill nicht davon überzeugen, dass sich ihr neuer Eigentümer dem Investment-Banking, besonders außerhalb der USA, verpflichtet fühlt.

In einem ersten Schritt hat Montag Andrea Orcel, der die Geschäfte von Merrill in Europa äußerst erfolgreich vorangetrieben hat, zu seiner rechten Hand bestimmt. Orcel soll an der Strategie mitarbeiten und sich um die Kunden kümmern. Orcel wird dabei mit drei globalen Co-Leitern zusammen arbeiten, von denen zwei in New York und einer in London stationiert werden sollen. Ein weiterer Stellvertreter von Montag wird von Manhattan nach Hongkong entsandt, um den Posten des Präsidenten der asiatisch-pazifischen Region einzunehmen.

Das dadurch entstehende vielköpfige Ungeheuer sieht wie ein Versuch aus, Egos zu beschwichtigen. Die Herkulesaufgabe für das Management, dieses Monster zu zähmen, wird obendrein durch den Kampf der Kulturen erschwert, der dadurch entfesselt werden dürfte.

Montag war kurz vor dem Notverkauf von Merrill Lynch an die BofA vor einem Jahr von John Thain angeheuert worden, der früher ebenfalls bei Goldman Sachs gearbeitet hatte. Das Partnermodell von Goldman dem eher individualistischen Stil von Merrill aufzudrücken, hatte an sich schon wie eine Herausforderung ausgesehen. Diese Melange jetzt noch mit dem gremienorientierten Ansatz der BofA zu verzahnen, wird schon außergewöhnliche Fähigkeiten in der Menschenführung erfordern.

Jede dieser Managementphilosophien mag, für sich selbst genommen, funktionieren. Aber eine Partnerschaft geht schnell in die Brüche, wenn sich die Partner misstrauen. Gremien, die von Zynikern besetzt sind, lösen sich oft in sumpfigem Morast auf. Banker, die aufblühen, wenn sie eigenverantwortlich arbeiten können, können in einer inhomogenen Kultur als geächtete Abtrünnige enden.

Es ist beruhigend, dass Orcel, was ihn angeht, ein Vertrauensvotum für das Lager von Montag und BofA-Chef Ken Lewis abgegeben zu haben scheint. Aber vergleichbare Konstrukte aus der Vergangenheit sprechen nicht für den Erfolg dieser Neuordnung.

Auch Chase Manhattan wollte alles auf einmal haben, als die Firma im selben Jahr den Nischenfinanzberater Beacon Group, die britische Merchant-Bank Robert Fleming und die Investmentbank JP Morgan kaufte. In den ersten paar Jahren waren die unterschiedlichsten Versuche fehlgeschlagen, eine zusammenhängende Unternehmenskultur zu schaffen, in die Elemente jeder Firma einfließen sollten. Erst als Jamie Dimon den Posten des Chief Executive übernommen hatte, gelang es ihm, ein Ganzes zu bilden. Vor der BofA könnte ein ähnlicher Kampf liegen. Die neue Management-Struktur wird vermutlich nicht lange Bestand haben.

Kommentare zu " US-Banken: Kampf der Kulturen bei Merrill Lynch"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%