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US-Banken und die Wur der Anleger: Ist Lloyd Blankfein ein neuer J.P.Morgan?

Das ginge vielleicht etwas zu weit. Trotzdem könnte sich der Chef von Goldman Sachs zu einer Rolle aufschwingen, wie sie Morgan während der Panik von 1907 gespielt hatte. Zusammen mit Jamie Dimon und Josef Ackermann könnte Blankfein entscheidend auf die zukünftige Gestaltung der Wall Street einwirken.

von Rob Cox (breakingviews.com)

Auffällig an der Panik von 2008 war, dass ihr die Helden fehlten. Im Unterschied zu der Krise, die die amerikanische Finanzwelt vor 101 Jahren mit dem Zusammenbruch der Trusts befallen hatte, gab es keinen J.P. Morgan, der gleichzeitig das Kapital, die moralische Überzeugungskraft und die Autorität inne hatte, um die Branche wieder auf die Füße zu zwingen.

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Während der derzeitigen Panik sind Schurken in Hülle und Fülle ausgemacht worden. Es wäre deshalb tollkühn - wenn nicht gar gefährlich - für jeden Spitzenvertreter der Wall Street gewesen, sich in die Schusslinie zu begeben, um die Finanzindustrie zu verteidigen und gleichzeitig ein Ausmerzen ihrer Exzesse zu verlangen. Doch jetzt hat sich scheinbar Lloyd Blankfein, der Chief Executive von Goldman Sachs, genau dies zur Aufgabe gemacht.

Zusammen mit Jamie Dimon, der jetzt die Firma leitet, die Morgan gegründet hatte, und - jenseits des Atlantik - mit dem Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, schwingt sich Blankfein dazu auf, die Zukunft der Wall Street entscheidend mit zu gestalten.

Dies hat er gerade erst am Dienstag mit einer Rede in Washington unter Beweis gestellt. Aufgebrachte Steuerzahler hatten neben ihm ein Plakat entrollt, mit dem Blankfein aufgefordert wurde, ihnen ihr Geld zurückzugeben. Und Blankfein schaffte es, die Reue zum Ausdruck zu bringen, die zu zeigen seine Branche bisher meist arrogant vermieden hat. Nachdem die Zwischenrufer hinauseskortiert worden waren, versuchte der Goldman-Chef, ihren Zorn zu artikulieren und sich ihm sogar anzuschließen.

Er gestand das schluderige Risikomanagement ein, das die Finanzwelt infiziert hatte. Er legte die Grundprinzipien dar, die die Vergütungen der Banken untermauern sollten. Er kritisierte zu Recht die Anstrengungen der US-Gesetzgeber, Visa für gut ausgebildete Arbeitskräfte aus dem Ausland einzuschränken. Und nicht zum ersten Mal verteidigte er mit Bestimmtheit die tägliche Neubewertung von Finanzpositionen. Außerdem räumte er ein, dass Hedge Fonds und Beteiligungsgesellschaften einer strengeren Aufsicht unterstellt werden müssten.

Dabei klang er insgesamt doch sehr viel staatsmännischer als etwa der Chairman von Wells Fargo, der die Versuche der Regierung, den Banken zu helfen, als "idiotisch" bezeichnet hatte.

Trotzdem ist Blankfein als Leitfigur der forschen Wall Street-Kaste nicht die offenkundigste Wahl. Erstens ist er selbst äußerst wohlhabend, was ihn zu einem leichten Ziel für die Kritik der leidenden Masse macht. Anders als der rundliche Morgan, dem ein ausgeprägter Hautausschlag und ein immer präsenter Rohrstock ein Furcht erregendes Aussehen verliehen, ist Blankfein ein zu Scherzen aufgelegter, im Auftreten bescheidener Mann, dessen Gestalt den Betrachter eher an den Schulschachklub denken lässt als an eine kampfbetonte Hobbysportart.

Auch ist Goldman Sachs als Fundament für eine Galionsfigur der Branche nicht gut geeignet. Die Bank vermeidet den Starkult und betont stattdessen einen am College-System angelehnten Ansatz. Und gerade die Rolle des Unternehmens als Hoflieferant von Talenten für die vorhergehende US-Regierung - und für den Board der unfallträchtigen Citigroup - sollte ein Grund mehr sein, sich bedeckt zu halten.

So könnten die zögerlichen Schritte, mit denen sich Blankfein an die Öffentlichkeit wagt, sich immer noch in ihr Nachteil verkehren. Aber als erfahrener Händler hat er sicherlich vorher die Risiken kalkuliert und ist zu dem Schluss gekommen, dass es besser ist, eine öffentliche Blamage in Kauf zu nehmen als sich im Bunker zu verstecken, während draußen seine Branche demontiert wird.

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