US-Wirtschaft
Steueramnestie: Zurück nach Hause

Hunderte Milliarden Dollar welken in den Tresoren amerikanischer Unternehmen im Ausland vor sich hin. Eine zeitlich befristete Steuerbefreiung wie im Jahr 2004 sieht nach einem relativ kostengünstigen Weg aus, das Geld wieder nach Hause zu holen, um es für Forschung und Entwicklung, Investitionen oder andere Arbeitsplatz schaffende Maßnahmen zu verwenden.

Steueramnestie: Die US-Wirtschaft muss angekurbelt werden. Die amerikanische Unternehmenswelt hat Schwierigkeiten, sich zu finanzieren. Der Kongress, die Notenbank Federal Reserve und in der Tat gleich zwei Präsidenten (der scheidende und der künftige) und ihr Verwaltungsapparat haben versucht, beide Probleme mit einer Vielzahl nie da gewesener Maßnahmen in den Griff zu bekommen. Aber eine Idee - die Unternehmen dazu zu bringen, das Geld, das bei ihren ausländischen Töchtern herumliegt, zurück in die Heimat zu bringen -, war bisher noch kein Thema. Sie muss auf den Tisch.

Für sich selbst genommen, wird eine internationale Steueramnestie die Kreditkrise nicht lösen und auch die angeschlagene Wirtschaft nicht wieder auf die Beine stellen. Aber angesichts der begrenzten Wirkung einiger der eher kostspieligen Regierungsprogramme, die bereits in Kraft sind, könnte sie wohl kaum schaden. Im Grunde würde es darum gehen, dass der Kongress per Gesetz ein Fenster öffnet, durch das US-Unternehmen ihre im Ausland gehaltenen Greenbacks in die Heimat zurückreichen könnten, ohne dafür Körperschaftssteuern von rund 35 Prozent entrichten zu müssen.

Dies könnte der Liquidität im US-Unternehmenssystem neuen Schwung geben. Betrachtet man die Kosten, die selbst einige der stabilsten und solventesten Unternehmen, von IBM bis HJ Heinz, dafür aufbringen mussten, um sich selbst zu finanzieren, wäre dies unmittelbar von Vorteil. Zusammen mit den Steuerersparnissen, die eine Amnestie mit sich bringen würde, sollte dies den Firmen größere Ressourcen an die Hand geben, um in Forschung, Entwicklung, Investitionen und Arbeitsplätze zu investieren.

Wenn diese Idee vertraut klingt, dann deshalb, weil sie in ähnlicher Form schon 2004 als Teil des Gesetzes zur Schaffung von Arbeitsplätzen in Amerika angewandt worden war. Das Gesetz hatte eine einmalige Steuerkürzung für Unternehmen enthalten (sie zahlten nur rund fünf Prozent auf das Geld), um sie dazu zu ermutigen, zurückbehaltene Auslandserträge als Finanzierungsquelle für Investitionen und zur Schaffung von Jobs in den USA einzusetzen.

Während zwar 840 Unternehmen diese Möglichkeit genutzt hatten und rund 362 Mrd. Dollar durch den Fensterspalt zurück nach Amerika transportierten, wird dennoch immer noch eine Menge Geld im Ausland gehalten. Die Unternehmen, aus denen sich der S&P 500-Index zusammensetzt, verbuchten in den Jahren nach der Amnestie von 2004 Rekordgewinne. Einige, wie der Verbrauchsgütergigant Procter & Gamble, verdienen über die Hälfte ihres Umsatzes außerhalb der USA. Das bedeutet, dass ein Großteil ihrer globalen Gewinne, die sie in den vergangenen Jahren erzielt haben, sich immer noch im Ausland befinden dürfte.

Es ist nicht klar, wie viel Geld genau in den internationalen Banktresoren herumliegt. Aber Moody?s geht beispielsweise davon aus, dass 75 Prozent der Zahlungsmittelbestände der Pharma-Industrie im Ausland sind.

Nur für die neun größten US-Pharmaunternehmen allein ergibt sich damit eine Summe von rund 80 Mrd. Dollar. Auch Technologie-Unternehmen könnten in großem Umfang davon profitieren. Rund acht Mrd. Dollar aus den gesamten Barmitteln von Microsoft liegen im Ausland. Bei Cisco befinden sich mehr als 90 Prozent des Geldes und der Investitionen über 27 Mrd. Dollar außerhalb der amerikanischen Landesgrenzen, wie aus Unternehmensunterlagen hervorgeht, die Cisco bei der US-Wertpapieraufsicht SEC eingereicht hat.

Wo liegt also der Haken? Zum einen kann der Kongress zwar darauf bestehen, dass das Geld für Investitionen und zur Schaffung von Jobs verwendet wird. Aber es ist fast unmöglich, dies zu überwachen. Das Gesetz von 2004 untersagte, dass die repatriierten Mittel für die Vergütung von Führungskräften eingesetzt oder an die Aktionäre verteilt würden. Zwar mussten die teilnehmenden Firmen wohl auch Pläne einreichen, wie das Geld im Inland reinvestiert werden sollte, aber es wurde kein Nachweis von ihnen darüber verlangt, dass die zurückgeholten Mittel auch tatsächlich und spezifisch für die beabsichtigten Zwecke verwendet wurden. Dass viele Unternehmen, die sich die Vorteile der Amnestie gesichert hatten, ungefähr zum selben Zeitpunkt auch große Aktienrückkaufsprogramme initiierten, war nicht unbemerkt geblieben.

Weiteren Steuererleichterungen haftet aber auch noch eine andere Botschaft an. Wenn amerikanische Unternehmen zu der Überzeugung kämen, dass die US-Behörden sie alle paar Jahre ähnlich nachsichtig behandelten, dann würden sie in guten Zeiten ihr Geld nicht mehr nach Hause bringen. Das würde die Regierung nicht nur der Steuereinnahmen berauben, es würde auch das Verhalten der Unternehmen verzerren.

Und doch könnte ein gerechter und wirkungsvoller Weg, während eines Engpasses Barmittel zu repatriieren, einen wirtschaftlichen Auftrieb bewirken und für Liquidität sorgen. Ein Kompromiss könnte darin bestehen, den Unternehmen eine Amnestie anzubieten, wenn sie einwilligen, für einen festgelegten Zeitraum ein gewisses Beschäftigungsniveau aufrecht zu erhalten.

Diejenigen, die sich nicht an ihre Zusagen halten, müssten mit rückwirkenden steuerlichen Strafmaßnahmen auf jegliche Erträge, die aus dem Ausland nach Hause zurückverlegt wurden, rechnen - die nach und nach, abhängig vom Ausmaß der Stellenkürzungen, erhoben werden könnten. Im schlimmsten Fall könnte ein Unternehmen zwar alle seine Gelder nach Hause rückgeführt haben, aber dennoch letztendlich den normalen Steuersatz zahlen müssen. Richtig schlimm wäre dies aber eigentlich auch nicht.

Es mag noch andere kreative Wege geben, Corporate America davon zu überzeugen, ihre Geldberge im Ausland zu verschieben und sie zu Hause einzusetzen. Sicher, eine Amnestie ist kein Allheilmittel für eine derart brennende Wirtschaftskrise wie die gegenwärtige. Aber in schwierigen Zeiten sollten alle Optionen zur Ankurbelung der Wirtschaft in Erwägung gezogen werden.

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