USA
US-Gesundheitsreform mit Nebenwirkungen

Die Gesetzesvorlage zur Reform des amerikanischen Gesundheitswesens, die der Finanzausschuss des US-Senats gebilligt hat, erhöht zwar den Versicherungsschutz. Es besteht das Risiko, dass das System wirtschaftlich vielleicht sogar noch ineffizienter wird.
  • 0

Noch mehr Behandlung - aber möglicherweise geringere Heilungschancen. Mit diesen Schlagworten ließe sich vielleicht der Gesetzesvorschlag zur Reform des US-Gesundheitswesens zusammenfassen, den der Finanzausschuss des Senats am Dienstag verabschiedet hat. Zwar sollten mit dem Gesetz einige verdienstvolle Ziele wie die Ausweitung des Krankenversicherungsschutzes erreicht werden. Aber in Bereichen wie der Quersubventionierung erhöht sich die Komplexität und allgemein erkannte Probleme, wie sie etwa aus gerichtlichen Auseinadersetzungen erwachsen, werden erst gar nicht angepackt. Es besteht die Gefahr, dass das System wirtschaftlich sogar noch ineffizienter wird.

Die USA geben 16 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für die Gesundheitsfürsorge aus - das ist beträchtlich mehr als in anderen entwickelten Volkswirtschaften. Doch gleichzeitig stehen immer noch 15 Prozent der Bevölkerung ohne jeden Krankenversicherungsschutz da und die Auswirkungen auf den allgemeinen Gesundheitszustand der Bevölkerung sind mittelmäßig. Hier zeigt sich das Flickwerk widersprüchlicher politischer Zielsetzungen, unangemessener Anreize und unzureichenden Wettbewerbs, mit dem das System entwickelt wurde.

Der Gesetzesvorschlag des Senats unter der Federführung des Chairman des Finanzsausschusses, Max Baucus, zielt darauf ab, die Zahl der Menschen ohne Krankenversicherungsschutz in den USA von derzeit 45 Millionen drastisch zu reduzieren. Das Congressional Budget Office kam zu der Beurteilung, dass sich mit seiner Hilfe das Staatsdefizit in einem Zeitraum von zehn Jahren reduzieren lässt. Aber zugegebenermaßen auch um zu vermeiden, sich auf politisch heimtückisches Gelände zu begeben, werden die umfangreichen Unzulänglichkeiten des derzeitigen Systems nicht angegangen.

Zum Beispiel wird das Gesetz nichts an der Tatsache ändern, dass Krankenhäuser und Rettungsdienste dazu verpflichtet sind, allen Patienten eine Notfallbehandlung zukommen zu lassen, egal ob die Betroffenen zahlen können oder nicht - und zwar ohne staatliche Kompensation. Dies hat zur Folge, dass mehr als die Hälfte der Notfallversorgungsmaßnahmen - sie belaufen sich im Jahr auf rund 80 Mrd. Dollar - momentan unbezahlt bleibt. Dadurch steigen die Krankenhauskosten für die Zahlungsfähigen, ob über deren Krankenversicherung oder privat, weit über das internationale Niveau.

Zudem wagt sich der Gesetzesvorschlag nicht an die enormen Kosten aus gerichtlichen Auseinandersetzungen und an die willkürlich hohen Schadensersatzleistungen heran, die die Gesundheitskosten immens steigern, sowohl direkt als auch indirekt, weil sie dazu ermutigen, kostspielige defensive Praktiken der medizinischen Behandlung anzuwenden. Und das Gesetz geht zudem nicht gegen die ineffiziente Balkanisierung der Industrie durch die Landesgesetze vor, die im Augenblick die Versicherungsnehmer davon abhalten, sich nach einer Versicherung jenseits ihres Bundesstaats umzusehen.

Mit dem Baucus-Gesetz wird sich die Quersubventionierung im US-Gesundheitswesen sogar noch verstärken, denn es verlangt von den Versicherungen, alle Bewerber, unabhängig von ihrer momentanen gesundheitlichen Verfassung, zu akzeptieren. Und um defizitneutral zu erscheinen, ist in der Gesetzesvorlage vorgesehen, eine Abgabe von 40 Prozent auf Versicherungspläne mit hohen Prämien zu erheben, wodurch sich möglicherweise die Kosten, die dem Einzelnen für die Gesundheitsvorsorge entstehen, weiter erhöhen.

Es war von Anfang an klar, dass die Ausweitung des Versicherungsschutznetzes kostspielig werden würde. Aber es lohnt sich. Hätte man die oft politisch bedingten Unzulänglichkeiten des bestehenden Systems ausgeräumt, wäre ein Großteil dieser Kosten vielleicht abgedeckt gewesen. Leider ist das Baucus-Gesetz darauf nicht ausgelegt.

Kommentare zu " USA: US-Gesundheitsreform mit Nebenwirkungen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%