Versicherungen
Aviva: Hochmut kommt vor dem Fall

Vor fünf Monaten hatte Aviva noch damit geprahlt, die Dividende aufrecht zu erhalten. Jetzt wurde die Ausschüttung gekürzt und eine niederländische Tochter an die Börse gebracht werden. Die Kehrtwende ist zwar peinlich, für langfristige Aktionäre aber positiv.
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Aviva präsentiert sich wie ein Unternehmen im Abwehrmodus. Der britische Versicherer hat lange behauptet, über vielfältige Hebel zum Kapitalmanagement zu verfügen. Von ihnen hat das Unternehmen allerdings in den vergangenen Monaten auch im Übermaß Gebrauch gemacht. Ein australisches Geschäft wurde für 452 Mill. Pfund Sterling abgestoßen. Bei der Präsentation der Halbjahresergebnisse am Donnerstag wurde die Kürzung der Zwischendividende um 31 Prozent verkündet sowie ein Plan vorgestellt, einen Anteil an Delta Lloyd, einer niederländischen Tochter, über eine Erstemission zu verkaufen.

Noch vor fünf Monaten - als in der Finanzwelt Verzweiflung in der Luft hing - ließ sich Aviva von einem ausgewiesenen Jahresverlust von 885 Mill. Pfund nicht beirren. Die Versicherung behielt ihre Jahresdividende bei und finanzierte die Ausschüttung aus dem Kapital. Jetzt allerdings lautet die Parole auf "Kapitalbewahrung".

Die Kehrtwende ist zwar peinlich, aber vielleicht vernünftig. Die Gruppe mag auf dem Papier solide mit Kapital ausgestattet gewesen sein. Aber die Dividende ist zu einem Schreckgespenst für die Investoren geworden. Die geringere Halbjahresausschüttung wird sich nur auf ein Drittel der Zwischenergebnisse der Gruppe von 747 Mill. Pfund belaufen.

Was Delta Lloyd betrifft, so hatte Aviva, auch wenn sie fast 100 Prozent der Anteile hält, nie die vollständige Kontrolle über den Vorstand. Die Tochter hat mehr finanziellen als strategischen Wert. Ein Verkauf von 25 Prozent könnte möglicherweise 750 Mill. Pfund einbringen. Für die Aktionäre wäre dies zumindest besser als eine verwässernd wirkende Bezugsrechtsemission.

Aviva kann auf einen sehr robusten Liquiditätsüberschuss von 3,2 Mrd. Pfund nach zuvor zwei Mrd. Pfund im Zusammenhang mit den Richtlinien für Versicherungsgesellschaften verweisen. Aber es ist schwer zu sagen, ob die britische Branchenaufsicht die Hand im Spiel hatte und Aviva auf den neuen Kurs der Kapitalbewahrung gebracht hat.

Der Chef der Versicherungsgesellschaft, Andrew Moss, wird dieses halbe Jahr schnell hinter sich bringen wollen. Entflechtungen und die Dividendenrücknahme haben Aviva in eine bessere Ausgangslage manövriert, um Akquisitionen zu finanzieren, sollten sich Gelegenheiten dazu ergeben. Doch Moss scheint seine eigenen Investoren falsch eingeschätzt zu haben. Er ist der derzeit letzte in einer langen Reihe von Versicherungsbossen, der gerade lernt, wie undankbar dieser Posten sein kann. Und er ist auch ganz sicher nicht der erste Spitzenmann in diesem volatilen Sektor, der eine Drehung um 180 Grad vollziehen musste. Es wird ihn dennoch Zeit kosten, seine nun doch angekratzte Autorität komplett wiederherzustellen.

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