Wackelkandidaten
Auf der Jagd nach Schrottaktien

Die größten Gewinner der jüngsten Kursrally am US-Aktienmarkt sind die Wackelkandidaten. Dahinter steckt die Überlegung, dass Unternehmen wie Fannie Mae und Citi von einer Konjunkturerholung am stärksten profitieren dürften. Diese dubiose Idee wird jetzt zur Farce.
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Die größten Gewinner der US-Sommerloch-Rally sind Aktien von Wackelkandidaten. Dahinter steckt die Überlegung, dass sie im Falle einer Konjunkturerholung größere Aussichten auf Kurszuwächse versprechen. Anleger haben an dieser Vorstellung einen Narren gefressen. Bank of America, Citigroup, Fannie Mae und Freddie Mac steuerten in dieser Woche mehr als 40 Prozent zum Umsatz der New York Stock Exchange bei. Aber die Wall Street scheint mit der Idee mal wieder über das Ziel hinauszuschießen.

Die Entwicklung vieler Krisenopfer ist atemberaubend. Die Kurse von Citi und BofA haben sich gemessen an ihren Tiefständen vervier- beziehungsweise versechsfacht. Historisch gesehen ist der steile Anstieg nicht überraschend, wie ein Blick auf die erstaunliche Erholung von Citi Anfang der 1990er-Jahre zeigt. Finanzwerte sind eng mit der Wirtschaftsentwicklung verzahnt. Eine Konjunkturerholung bedeutet weniger Zahlungsausfälle, die Bankenprognosen werden schnell nach oben korrigiert. Und wenn sich die Banken vom Abgrund entfernen, sind die Anleger schnell bereit die Abschläge auf ihren Buchwert zu reduzieren.

Aber im Fall von Fannie und Freddie erscheint die Entwicklung doch dubios. Ihre Aktienkurse konnten sich im August mehr als verdreifachen. Der Immobilienmarkt erholt sich – die Eigenheimpreise stiegen gemessen am S&P/Case-Shiller-Index im Juli sogar wieder an. Aber diese beiden Unternehmen wurden schon im November verstaatlicht. Sie brauchen riesige Kapitalinjektionen um wieder auf ein angemessenes Niveau zu finden: beide Unternehmen sitzen zusammen bereits auf Kapitalinfusionen und Garantien in Höhe von 5,4 Billionen Dollar

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Und dann ist da noch ein echter Witz. Die Aktien des Internet-Telefonie-Unternehmens Vonage vervierfachten sich seit dem 24. August, als Gerüchte über eine Applikation für das iPhone laut wurden. Das ist skurril, wenn man bedenkt, dass Apple-Partner AT&T sicher nicht gerade glücklich darüber wäre. Hinzu kommt, dass Vonage verbilligte Telefondienstleistungen anbietet, also anders als Banken nicht gerade ein typisches Produkt, auf das man in einer Konjunkturerholung setzt.

Und zu allem Überfluss sinken auch noch Vonages Einnahmen, weil Kunden die gleichen Leistungen woanders billiger erhalten. Die Vermögenswerte, die das Unternehmen in die Waagschale werfen kann, sind weniger wert als seine Schulden. Selbst Short-Eindeckungen können nicht zur Erklärung herangezogen werden. Der Höhenflug scheint schlicht und ergreifend Ergebnis einer ziellosen Schnäppchenjagd zu sein – die Aktien wirken bei einem Preis unter drei Dollar pro Stück einfach „günstig“.

Der Wettlauf um die Wackelkandidaten hat begonnen. Aber nur damit das klar ist – viele Investoren werden schließlich nur Müll in den Händen halten.

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