Währungsabsicherung
Ein „Papiergoldstandard“ als Weg aus der Krise?

Der Vorschlag Chinas, eine neue Leitwährung zu schaffen, die vom IWF gesteuert wird, ist clever. Damit könnten einige der finanziellen Ungleichgewichte angegangen werden, die die Welt in diese Krise hineingezogen haben. Aber China scheint seine Motivation vor allem aus der Konfrontation mit den USA zu beziehen – der Nation, die durch einen solchen Plan am meisten zu verlieren hätte.
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Die Welt hat den Goldstandard schon seit Jahrzehnten hinter sich gelassen. Aber ein "Papiergoldstandard" könnte einen Weg aus der globalen Finanzkrise bieten. Zhou Xiaochuan, der Gouverneur der chinesischen Zentralbank, hat vorgeschlagen, die Welt von ihrer Abhängigkeit vom Dollar zu lösen und sie an einer neuen Leitwährung, die vom Internationalen Währungsfond (IWF) gesteuert werden soll, auszurichten. Die Idee ist gut - wenn China nur auch wirklich dahinter stehen würde.

Der Greenback war seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs die beherrschende Reservewährung der Welt. Alle Länder horten ihn massenweise, um ihre eigene Währung abzusichern. Der IWF geht davon aus, dass zwei Drittel der weltweiten Fremdwährungsbestände über insgesamt sieben Bill. Dollar auf US-Dollar lauten. Auf den Euro, der bei den am meisten gehaltenen Währungen Platz zwei einnimmt, entfallen nur ein Viertel.

Würde der internationale Handel jetzt stattdessen auf eine vom IWF gesteuerte Währung umgestellt - Zhou schlägt dazu das wenig genutzte Instrument der Sonderziehungsrechte (SZR) vor - stünde Uncle Sam vor einem echten Problem. Die Kosten für die Mittelaufnahme und den Handel Amerikas würden in die Höhe schießen. Schließlich sparen sich die USA einiges, da sie so gut wie nie ihr eigenes Geld umwandeln müssen - eine Vergünstigung, die man "Seigniorage" oder Münzgewinn nennt.

Aber langfristig würden die USA von einer Umstellung profitieren. Da es die Währung der Wahl besitzt, ist es für das Land unnatürlich billig, Ausleihungen vorzunehmen und die verschwenderischen Angewohnheiten seiner Verbraucher zu finanzieren. Außerdem wäre da auch noch das Triffin-Paradox zu beachten, auf das Zhou mit gelehrtem Schwung verweist. Dieses besagt, dass Amerika, solange das Land einwilligt, die Welt mit Dollar zu versorgen, nicht mit Erfolg seine eigene Währung kontrollieren kann.

Eine zentrale Währung zu haben - nennen wir sie die Zhou Triffin-Dublone (ZTD) -, die von einer supranationalen Organisation verwaltet wird, würde es den einzelnen Staaten erschweren, sich gegenseitig zu stark zu verschulden. Wenn das Angebot an herausgegebenen ZTD angemessen kontrolliert werden würde - sagen wir, indem es im Einklang mit dem globalen Bruttoinlandsprodukt erweitert wird - würde sie als stabile Wertanlage fungieren und ein geringes Abwertungsrisiko aufweisen.

Darüber hinaus würde eine verlässliche ZTD viele der Vorteile aufbieten, die der aufgegebene Goldstandard einmal besaß. Das Angebot wäre streng beschnitten und die ZTD würde überall akzeptiert. Ja, die Dublone wäre dem gelben Edelmetall sogar noch überlegen, das schließlich für eine moderne Wirtschaft doch zu umständlich in der Handhabung und zu rar ist, um als Maßstab für den internationalen Handel zu dienen.

Alles in allem würde die ZTD dem internationalen Finanzwesen den stark benötigten Ballast verleihen. Und China steht beim Propagieren einer Einheitswährung auch nicht alleine da - russische Behörden haben sich ebenfalls in ähnlichen Gedankenspielen versucht.

Also, warum krempeln nicht alle die Ärmel hoch? Da gibt es so einige Hindernisse. Zuallererst müsste man den IWF dazu bringen, die Aufgabe zu übernehmen. Zudem ist China überhaupt nicht in der Lage, sich schnell zu bewegen. Eine wirklich globale Leitwährung müsste auf einem Korb von Weltwährungen basieren, der auch den Renminbi umfassen würde. China müsste seine streng kontrollierte Währung frei geben - wozu es nicht den geringsten Wunsch zu verspüren scheint.

Vielleicht hat China aber eigentlich etwas ganz anderes im Sinn als die finanzielle Stabilität - nämlich seinen Einfluss in der Finanzwelt auszubauen. Derzeit verfügt das Reich der Mitte über ein Stimmrecht von nur drei Prozent beim IWF, nicht mehr als Belgien, da die Stimmrechte an die Beiträge jedes Landes zum Fonds gebunden sind. Könnte China seine ungeheuren Devisenreserven geltend machen, könnte es den Platz der USA am oberen Ende des Tisches einnehmen.

Im besten Fall dient der chinesische Vorschlag den Eigeninteressen des Landes. Im schlimmsten Fall manifestiert sich in ihm möglicherweise ein weiteres Mal seine wachsende Feindseligkeit gegenüber den USA - abzuheften neben den jüngsten protektionistischen Vorstößen, neben den Zwischenfällen auf hoher See und der chinesischen Kritik an der amerikanischen Ausgabenpraxis. Schade, dass dieser politische Unterton mitschwingt. Denn das Papiergold sieht wie eine der besten Ideen aus, die die Finanzkrise bisher hervorgebracht hat.

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