Wall Street-Kapazitäten
Wie die Kakerlaken

Selbst wenn eine Investmentbank verglimmt, reicht ihre Glut noch aus, um einem neuen Wettbewerber Leben einzuhauchen, der wiederum selbst eines Tages verglühen könnte. Im Widerschein der globalen Bemühungen von Barclays und Nomura, die rauchenden Überreste von Lehman Brothers neu anzufachen, bringt auch Wells Fargo den unbedeutenden Wertpapierbereich von Wachovia wieder in Schuss.
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Zu den wenigen Arten, die einen nuklearen Weltbrand überstehen dürften, gehören die Kakerlaken, sagt man. Doch die Wall Street erweist sich als ähnlich widerstandsfähig, denn schließlich durchläuft die Finanzbranche seit vielen Monaten ihren ganz eigenen Weltuntergang.

Auch wenn Bear Stearns und Lehman Brothers verglüht sind, große Banken wie die Citigroup und die Bank of America ins Wanken geraten sind und die weltweite Finanzierung fast ganz ausgetrocknet ist, weigert sich das Investment Banking Kapazitäten aufzugeben.

Der Abbau des Einsatzes von Fremdkapital könnte die Vermögenswerte der Branche insgesamt zum Schrumpfen bringen - für eine gewisse Zeit. Aber für jede Firma, die untergegangen ist, hat sich ein neuer Wettbewerber erhoben - angelockt von den üppigen Gebühren, die die Fusionsberatung, der Handel mit Wertpapieren und die Übernahme von Aktien- und Anleiheemissionen abwerfen. Im Fall von Lehman Brothers hat ein Niedergang sogar zwei Neuankömmlinge hervorgebracht. Und der Zusammenbruch von Bear Stearns hat einigen Geschäftszeigen ihres Halbretters JPMorgan Auftrieb gegeben.

Wie im Autosektor, in dem trotz der Pleiten von General Motors und Chrysler alle Beteiligten ungebremst weiter zu viele Autos produzieren, könnten die Überkapazitäten im Bankwesen den Boden für künftige finanzielle Schwierigkeiten bereiten. Ehrgeizige neue Konkurrenten haben immer schon auf breiter Front die Vergütungsstrukturen nach oben gehievt und häufig Preise unterboten, um bei Neugeschäften zum Zug zu kommen.

Die in San Francisco ansässige Wells Fargo ist die jüngste Debütantin Früher brüstete die Bank sich damit, bei ihren Leisten zu bleiben, Sparprodukte über ihre Niederlassungen anzubieten, auf konservative Weise Kredite an Unternehmen vor Ort zu vergeben und Hypothekendarlehen umzuschulden. Sämtliche Gegenden jenseits des Mississippi könnten genau so gut in China liegen, verkündete Wells Fargo einmal.

Doch jetzt hat das Institut Pläne angekündigt, das ausgesprochen zweitrangige Wall Street-Geschäft aufzupeppen, das mit übernommen wurde, als Wells Fargo Wachovia vor dem Kollaps bewahrt hat. Der Chief Executive von Wells Fargo, John Stumpf, jubilierte: "Wir haben die enorme Chance, eine der besten auf Kunden ausgerichteten Investmentbanken des Landes zu werden ?"

Wells Fargo Securities in Kampfbereitschaft zu versetzen, wird nicht ganz billig. Der Wachovia-Bereich zählte ohnehin nie zur Spitze des Feldes und ist innerhalb eines Jahres im Ranking der globalen Einnahmen aus dem Investment Banking von Dealogic von Platz zwölf auf den 15ten Rang abgerutscht. Sein Markteinteil ist um ein Viertel auf magere 1,4 Prozent geschrumpft.

Um ihrem erweiterten Kundenstamm Produkte mit höheren Margen wie die Fusionsberatung und die Emissionsübernahme von Aktien anbieten zu können, wird die Bank in das Geschäft investieren und Banker an Bord nehmen - und bezahlen - müssen. Das Problem dabei ist, dass Wells Fargo, auch wenn der Abschwung Talente auf den Markt gespült hat, sich nicht allein um die Spitzenkräfte bemüht.

Da sind besonders die beiden Prätendenten auf einen Platz unter den größten und wichtigsten Wall Street-Institutionen, die der Niedergang von Lehman hervorgebracht hat, die bereit sind, den Kampf um Talente und Deals auszufechten. Barclays Capital hat die US-Bereiche von Lehman übernommen und Nomura hat sich deren europäische und asiatische Geschäfte gesichert.

Doch um ihren Kunden globale Lösungen unterbreiten zu können, müssen beide ihre geografische Präsenz und ihre Produktpalette vervollständigen. Für BarCap bedeutete dies, in London und Hongkong hochrangige Banker anzuheuern, während Nomura in New York die Lücken füllt.

Wie die Kakerlaken mögen große Namen der Wall Street kommen und gehen - ganz aussterben werden sie kaum.

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