Wall Street
Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Merrills Wertberichtigungen brachten das Brokerhaus in Verlegenheit. Bei der Konkurrenz sah es allerdings nicht viel besser aus. Der Grund: das Debakel bei Merrill zeigt, das die erfindungsreichen Finanzprodukte der Wall Street eine vernünftige Bewertung der Investmenthäuser erschweren.

Der Merrill-Effekt: Man nehme noch einmal rund 3 Milliarden Dollar und schlage sie den schmerzhaften Wertberichtigungen zu, die Merrill Lynch bereits vornehmen musste. Das jedenfalls ist der Abschlag, mit dem Aktionäre das Investmenthaus bestraften, nachdem die Verluste aus dem Geschäft mit forderungsbesicherten Schuldverschreibungen und Hypothekendarlehen in Höhe von 8 Milliarden Dollar bekannt wurden. Die Aktienkurse der Konkurrenten Lehman Brothers und Morgan Stanley blieben ebenfalls nicht unverschont.

Merrills Entscheidung, den Verlust noch einmal um 75 Prozent höher auszuweisen als wenige Wochen zuvor angekündigt, provozierte die bedächtige Ratingagentur Standard & Poor?s zur selten verwendeten Einschätzung "alarmierend". Anleger sahen sich mit einer unbequemen Wahrheit konfontiert. Bei der Bewertung der verbrieften CDOs (Collateralized Debt Obligations) ist es nicht mit dem Küchenspülen-Ansatz getan - bei dem ein Unternehmen alle schlechten Nachrichten in das Finanzergebnis eines Quartals packt und anschließend munter weiterwirtschaftet als sei nichts gewesen.

Warum? Ganz einfach, weil niemand sagen kann, welchen Wert diese komplexen und selten gehandelten Wertpapiere wirklich haben. Zumindest haben sich einige Wall-Street-Unternehmen bei ihrem Bewertungsansatz eindeutig zu stark auf ihre Computermodelle verlassen. Das Ergebnis: zu optimistische Marktprognosen, die jetzt nach einer langfristigen Intensivbehandlung verlangen.

Diese "Bewertung-am-Modell"-Ansätze haben sich als Fantasiegebilde erwiesen - oder auch als fromme Wünsche -, die wenig mit dem Preis gemein haben, den Anleger tatsächlich zu zahlen bereit sind. Merrills Wertberichtigungen bei hypothekenlastigen CDOs legen die Vermutung nahe, dass ihr Wert etwa bei 60 bis 70 Cent pro Dollar liegen könnte. Es gibt aber auch Marktteilnehmer, die davon ausgehen, dass sie für höchstens 40 Cent über den Ladentisch gehen dürften.

Solange solche Bewertungsdifferenzen bestehen, solange muss an Wall Street mit weiteren Tiefschlägen gerechnet werden. Die Probleme auf dem Subprime-Markt könnten sich noch verschlimmern und selbst wenn nicht, könnte die Bewertung solcher Forderungsbestände bei einigen Banken noch irgendwo zwischen Realität und Wunschgedanken liegen. Eine Situation, die die Banken wohl kaum in einem Quartal mit einem Sprung ins kalte Wasser bereinigen können.

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