Florian Kolf - Was vom Tage bleibt
Schwieriger Kampf um Glaubwürdigkeit

Wenn Investoren sogar vor deutschen Staatsanleihen zurückschrecken, dann sind selbst die Toten im Sarg nicht mehr sicher.
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Wunderschönen guten Abend,

es ist ein deutlicher Warnschuss. Sah es bis vor kurzem so aus, also ob die verunsicherten Anleger der deutschen Regierung ihre Bundesanleihen selbst zu einem Zinssatz von Null Prozent abkaufen würden, hat sich jetzt das Blatt gewendet.

Bund bleibt auf Anleihen sitzen

Bei der heutigen Emission einer zehnjährigen Anleihe blieb die deutsche Schuldenverwaltung auf einem Drittel der Papiere sitzen. Nur knapp 3,9 Milliarden Euro boten die Investoren. Das heißt natürlich noch nicht, dass deutsche Bonds ihren Status als sicheren Hafen in der stürmischen Euro-Zone verloren haben. Aber es heißt, dass die Anleger nicht mehr bereit sind, jeden Preis für diese Sicherheit zu bezahlen. Und es heißt, dass die Bundesregierung noch vorsichtiger sein muss, auf welche Kompromisse sie sich bei der Unterstützung der angeschlagenen Euro-Staaten einlässt. Dass Kanzlerin Angela Merkel heute erneut vor Eurobonds gewarnt hat, kommt nicht von ungefähr. Denn die Gefahr ist groß, dass Deutschland auf Dauer doch einen hohen Preis bezahlt.

Guttenberg kauft sich frei

Einen hohen Preis für sein Fehlverhalten bezahlt hat auch Karl-Theodor zu Guttenberg. Die Plagiatsaffäre um seine Doktorarbeit hat ihn nicht nur alle politischen Ämter, sondern auch einen großen Teil seiner Glaubwürdigkeit gekostet. Heute hat er noch einmal 20.000 Euro gezahlt, damit auch das strafrechtliche Verfahren gegen ihn eingestellt wird. Doch der Titel seines Buches, das am kommenden Dienstag erscheint, verrät, dass er schon an einem Comeback arbeitet: „Vorerst gescheitert“. Doch wer beobachtet hat, wie zu Guttenberg mit der ganzen Affäre umgegangen ist und wie unbekümmert er schon wieder in der Öffentlichkeit auftritt, dem drängt sich der Eindruck auf, dass ihm eher um einen schnellen Schlussstrich als um einen ehrlichen Neuanfang geht.

Wirtschaftsprüfer übersahen Milliardenfehler

Dass Menschen gerne leichtfertig mit Geld umgehen, wenn es ihnen nicht persönlich gehört und sie für die Verluste nicht persönlich gerade stehen müssen, das ist nur menschlich und überrascht nicht weiter. Wenn aber ausgerechnet die schlampen, die für die Kontrolle des Geldes teuer bezahlt werden, dann macht das doch sprachlos. Die Bundesbank hat jetzt in einem Bericht festgestellt, dass die Wirtschaftsprüfer von Pricewaterhouse Coopers eine Mitschuld tragen an der Milliardenpanne bei der Bad Bank der HRE. Wenn das stimmt, müsste der Imageschaden immens sein. Hätte ich ein Unternehmen, ich würde mir sehr gut überlegen, ob ich so einem Wirtschaftsprüfer noch vertrauen könnte.

 

Groupon fällt unter Ausgabepreis

Mit seinem Image kämpfen dürfte recht bald auch das hochgejubelte Social-Media-Unternehmen Groupon. Man fühlt sich dabei ja fast an die wilden Zeiten des neuen Marktes erinnert. Obwohl bei steigenden Umsätzen ein Gewinn nicht in Sicht ist, stieg die Aktie beim Börsengang am 4. November in kürzester Zeit um 50 Prozent. Nun ist das Unternehmen auf dem Boden der Tatsachen zurück. Der Kurs ist unter den Ausgabepreis gefallen, die Zweifel am Geschäftsmodell werden lauter.

Griechenlands Konservative bewegen sich

Was lehren uns all diese Fälle? Gerade in unsicheren Zeiten ist Glaubwürdigkeit immer noch die wichtigste Währung. Diese Erfahrung muss auch die neue griechische Regierung machen, die noch einen weiten Weg vor sich hat, bis ihr die internationalen Investoren wieder vertrauen. Dass der Chef der Konservativen, Antonis Samaras, jetzt grundsätzlich die Unterstützung der EU-Gipfelbeschlüsse vom 26. Oktober zugesagt hat, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber nur ein kleiner.

Was fehlt? Nach wiederholten Diebstählen von Leichen aus Gräbern bietet ein Unternehmen in Norditalien jetzt Särge mit Alarmsystemen an. Offenbar kann man nicht mal mehr darauf vertrauen, dass die Ruhe der Toten respektiert wird. Oder ob das mit dem morgigen Kinostart des vierten Teils der Vampirsaga „Twilight“ zu tun hat?

Ich wünsche Ihnen einen guten Feierabend,

 

Florian Kolf

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Florian Kolf
Florian Kolf
Handelsblatt / Teamleiter Handel und Konsum

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