Florian Kolf
Was vom Tage übrig bleibt

Die Bankenbranche sorgt für Aufregung, der erhoffte Monti-Effekt verpufft an den Märkten und ein berühmter Degen verschwindet.
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Ackermanns Rückzug nach der Razzia

Um 17.22 Uhr ließ die Deutsche Bank die Bombe platzen. Bankchef Josef Ackermann steht für den geplanten Wechsel in den Aufsichtsrat nicht mehr zur Verfügung. Die offizielle Begründung für diesen überraschenden Schritt wirkte arg bemüht: Ackermann habe angesichts „extrem herausfordernden Verhältnisse auf den internationalen Finanzmärkten und im politisch-regulatorischen Umfeld“ keine Zeit, die dafür erforderlichen Einzelgespräche mit Aktionären zu führen. Doch der Zusammenhang mit einem anderen Ereignis des Tages ist zu offensichtlich: So hat die Staatsanwaltschaft München kurz vor der Ankündigung Ackermanns Büro durchsuchen lassen und beschuldigt den Top-Banker, vor Gericht dreist gelogen zu haben. Damit wird der Prozess, den der mittlerweile verstorbene Medienunternehmer Josef Kirch gegen die Deutsche Bank angestrengt hat, endgültig zur Schlammschlacht. Der Grundvorwurf: Der damalige Bankchef Breuer habe mit Äußerungen in einem Interview das Kirch-Imperium in die Pleite getrieben. Doch mittlerweile geht es nicht mehr nur um den geforderten Schadensersatz in Höhe von 3,3 Milliarden Euro. Der gute Ruf der Deutschen Bank steht auf dem Spiel. Da kann der zeitgleiche Rückzug des umstrittenen Bankchefs wohl kein Zufall sein.

Unicredit sucht nach frischem Kapital

Auch der zweit Knaller des Tages kam aus der Bankenbranche. Die Unicredit-Aktie wurde heute kurz vor der Mitteilung der Quartalszahlen vom Börsenhandel ausgesetzt. Kurz danach war klar, warum: Italiens größte Bank setzt nach einem Mega-Verlust von mehr als zehn Milliarden Euro im dritten Quartal zum Befreiungsschlag an. Unicredit muss auf Beteiligungen in Österreich und Osteuropa fast elf Milliarden Euro abschreiben und streicht Tausende Jobs - auch die deutsche Tochter HVB kommt nicht ungeschoren davon. Außerdem plant die Bank eine Kapitalerhöhung von 7,5 Milliarden Euro. Eine vergleichbare Größenordnung hat es in Italien in der Finanzkrise bisher nicht gegeben. Der Zeitpunkt dafür könnte unglücklicher nicht sein, ist doch der bisher größte Aktionär, der libysche Staat, aus politischen Gründen zur Zeit so gut wie handlungsunfähig.

Monti ist kein Heilsbringer

Bei diesen Unternehmensnachrichten gerät die politische Dimension der europäischen Schuldenkrise etwas aus dem Fokus. Doch sie ist nicht weniger brisant. Eine Herkules-Aufgabe wartet auf den künftigen italienischen Regierungschef Mario Monti. Dass er die Probleme in Italien nicht schnell lösen kann, zeigte die heutige Anleihenemission. Zwar konnte Italien die fünfjährigen Staatsbonds am Markt platzieren, musste aber Rekordzinsen zahlen. Trotz Stützungskäufen der EZB lag die Durchschnittsrendite der fünfjährigen Papiere bei einem Rekordhoch von 6,29 Prozent, bei der vorangegangen Auktion waren es noch 5,3 Prozent gewesen. Warum die Investoren noch kein Vertrauen gefasst haben ist klar: Ob Monti Erfolg hat, hängt entscheidend davon ab, ob er für seine Veränderungen eine Mehrheit im Parlament bekommt. Die ersten Signale großen Parteien sehen da nicht wirklich gut aus.

Ungarn ist der nächste Krisenherd

Noch weniger Vertrauen haben die Investoren in die Zukunft von Ungarn. Das Land hat am Montag eine Auktion von sechswöchigen Schatzanweisungen bei schwacher Nachfrage platzen lassen, nachdem die Ratingagenturen Standard & Poor's und Fitch vor einer Bonitätsabstufung Ungarns auf Ramschniveau gewarnt hatten. Die staatliche Schuldenagentur beendete die Auktion der Staatspapiere, nachdem ihr Angebot von 50 Milliarden Forint (160 Millionen Euro) gerade einmal auf Gebote in Höhe von insgesamt nur 36 Milliarden Forint traf. Die steigenden Anleiherenditen zeigen: Die Vertrauens- und Schuldenkrise weitet sich nach Osten aus.

Was fehlt? Unbekannte haben ein Kupferschwert vom Grab des ehemaligen US-Präsidenten Abraham Lincoln gestohlen. Da musste offenbar jemand seine ganz persönliche Schuldenkrise lösen.

Ich hoffe, ich habe Ihnen mit all diesen trüben Nachrichten nicht den Abend verdorben und wünsche einen geruhsamen Feierabend

Florian Kolf

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Florian Kolf
Florian Kolf
Handelsblatt / Teamleiter Handel und Konsum

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