Oliver Stock - was vom Tage bleibt
Die Retter kommen auf Touren

Was für ein Tag: Merkozy drücken aufs Gaspedal. Monti überholt rechts. Daimler rauscht Richtung Asien. Und nur die SPD bewegt sich bei der entscheidenden Frage nicht vom Fleck.
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Guten Abend Ihnen allen,

Eilige Retter

Bisher folgen die Euro-Retter dem stets gleichen Muster: Sie beschließen etwas, was zu spät Wirklichkeit wird. Die Märkte, die ja nicht anonym sind, sondern nur aus Anlegern bestehen, die ihr Geld in Sicherheit bringen wollen, waren stets schneller und die Investoren schichteten um. Raus aus Euroland, rein in Gold oder sonst etwas Sichereres. Das war so bei den Krediten für Griechenland und anderer Schuldenländer, das war so beim Schuldenschnitt und das ist so beim Rettungsschirm. Weil Merkel und Sarkozy das gleiche Gefühl haben, beschlossen sie heute, den Rettungsschirm ESM schneller wirksam werden zu lassen. Statt 2013 bereits 2012. Reaktion Nummer eins: Wow - was für ein Zeitgewinn! Was er Italien nutzt, das im Januar 22 Milliarden Euro refinanzieren muss, bleibt das Geheimnis von Merkozy. Zweite Reaktion: Der ESM ist ein Instrument, in das die Länder echtes Geld einzahlen müssen. Ihn vorzuziehen, bedarf der Zustimmung aller Mitgliedsstaaten. Das ist nicht unmöglich, aber immerhin schwierig.

Der Professore kommt auf Touren

Handfester, weil noch mehr im eigenen Interesse, geht da Italiens neuer Ministerpräsident Mario Monti voran. Nicht nur, dass er auf sein Gehalt als Ministerpräsident verzichtet und stattdessen von seiner Pension als ehemaliger EU-Beamter lebt. Der "Professore" bringt viel mehr sein Sparpaket auf den Weg, mit dem er nach der Ära Berlusconi das Vertrauen der Märkte in das hoch verschuldete Land wiederherstellen will. Höhere Steuern, spätere Renten - das honorierten die Investoren: Heute sank das Zinsniveau für 10-jährige italienische Staatsanleihen erstmals seit langem wieder unter 6 Prozent - nach einem Rekord von 7,45 Prozent. Und auch deutsche Staatsanleihen fluppten wieder. Die heutige Auktion hatte dreimal mehr Nachfrager, als Angebot vorhanden war.

Das beredte Schweigen der SPD

Die SPD schert das alles nicht. Ginge es nach ihr, hätten wir vermutlich schon den Eurobond und Italien hätte immer noch Berlusconi, der dann munter eine Politik zu Lasten der deutschen Steuerzahler gemacht hätte. Okay - das war einseitig. Tatsache ist aber, dass sich SPD-Chef Sigmar Gabriel in Sachen Eurobonds schon lange dafür ausgesprochen hat. In Sachen Kanzlerkandidat hat er dagegen auf dem heutigen SPD-Parteitag geschwiegen. Vielleicht steckt ja Taktik dahinter: Immerhin weiß Gabriel aus eigener mitunter leidvoller Erfahrung, dass die Dinge, die er öffentlich zu früh anstrebt, gerne zerplatzen. Deswegen bemüht er sich jetzt, bei den ihm wirklich wichtigen Dingen den Mund zu halten. So schwer es ihm eben auch fällt.

Luxus läuft

Wäre die SPD ein börsennotiertes Unternehmen, würde sie anders handeln. Anleger hassen nämlich Unsicherheit und lieben gute Nachrichten. Daimler weiß das und verkündete deswegen heute schon mal einen Umsatzrekord für das Jahr 2011. Wer glaubt, dass die Krise bei Daimler nicht spürbar ist, liegt aber falsch. Das satte Plus rührt daher, dass der Konzern in Asien seinen Absatz um ein Drittel steigern konnte. Europa dagegen sieht schlecht aus. Die Luxuskarossen sind in China angelangt, lautet die wahre Botschaft hinter den Zahlen.

Sex und Beten

Wenn alles nichts hilft, hilft Sex und Beten. Das hat sich Charlotte Roche gedacht und ihre Schoßgebete geschrieben, die ein Bestseller geworden sind. Zweiter in der Verwertungskette ist nun Constantin Film. Das Unternehmen hat sich die Verfilmungsrechte an dem Buch gesichert und damit seinen Aktienkurs ganz profan nach oben getrieben. Wie das Merchandising weiter geht? Wahrscheinlich kommt als nächstes der Pausensnack zum Film. Lassen Sie uns die Daumen drücken und beten, dass das nicht in die Hose geht.

Ein anregenden Abend wünscht Ihnen

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Oliver Stock - was vom Tage bleibt: Die Retter kommen auf Touren"

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  • Hallo Handelsblatt

    Ich habe eben ein Video von Elsa Fornero gesehen, die in Tränen erklären muss, dass die Renten in Italien demnächst nicht mehr an die Inflation gekoppelt werden können. Wie wäre es über so was zu berichten (oder ist das schlecht für die Weihnachstumsätze des HDE) statt über den xten erfolglosen Versuch von Merkel und Sarkoy zu berichten.

    Die Finanzterroristen haben vor 20 Jahren Washington gekappert und sind jetzt auf bestem Wege das Alte Kontinent aufzumischen. Griechenland war das trojanische Pferd!

    AUFWACHEN!!!!

  • Der Bilderberger Steinbrück als Kanzlerkandidat
    Dienstag, 21. Juni 2011 , von Freeman um 20:09

    Manchmal treten Vorhersagen schneller ein als man sie erwartet. Die langjährige Beobachtung zeigt nämlich, Politiker die bei der Bilderberg-Konferenz teilnehmen machen sehr oft einen steilen Aufstieg und landen in Führungspositionen. So auch Peer Steinbrück, den wir bei seiner Wanderung vom Paradiso Bergrestaurant als Bilderberg-Teilnehmer fotografieren konnten. Kaum aus St. Moritz zurückgekehrt und von einer Tournee um für sein Buch "Unterm Strich" zu werben, sowie vielen Vorträgen um sich unters Volk zu mischen, will der ehemalige Bundesfinanzminister wieder in die Spitzenpolitik zur
    ückkehren und hat sich als Kanzlerkandidat der SPD angeboten.


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