Oliver Stock
Was vom Tage übrig bleibt

Die Banken stellen ihre Personalplanung vom Kopf auf die Füße. Ratingagenturen können weiter Noten geben, wie sie wollen, und am Comer See treffen sich die Reichen dieser Welt.
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The day after

Der Tag, nachdem Josef Ackermann seinen Komplett-Abgang angekündigt hat, ist ein Tag zum Nachdenken. Die Nachricht ist verdaut - was nun? Die Schachfiguren der Deutschen Bank, die bisher auf ihren Feldern gesetzt waren, scheinen alles Springer zu sein, die ziemlich schnell ganz woanders stehen könnten. Denn neben den designierten Covorsitzenden des Geldhauses, dem Inder Anshu Jain und dem knapp vor der Pensionsgrenze stehenden Jürgen Fitschen, taucht nun eine neue Figur auf: Paul Achleitner 55 Jahre jung und schon mal im Gespräch gewesen als direkter Ackermann-Nachfolger auf dem Thron des Vorstandschef soll nun Aufsichtsratschef werden. Was hat den Ex-Goldman-Banker und derzeitigen Allianz-Finanzchef zum Wechsel an die Spitze des Aufsichtsrats bewogen? .Sicher kein schlechter Job, aber doch wenig im Vergleich zum Vorstandssessel. Es ist möglich, dass wir von Achleitner noch mehr hören werden.

Aufräumen im Nachbarland

Nebenan in der Schweiz sind sie auch am Aufräumen. Dort tritt Axel Weber den Posten des Verwaltungsratsvorsitzenden bei der UBS schon ein Jahr früher an als geplant. Einem ehemaligen Bundesbanker wollen wir nicht unterstellen, dass er sich zu Höherem berufen fühlt. Aber die Gleichzeitigkeit der Ereignisse zeigt doch eines: Die Großen der Branche sind mitten drin im personellen Großreinemachen. Da bleibt keine Figur, wo sie stand, und das ist gut so, denn es krempelt sich eine Branche um, die viel zu lange versucht hat, weiterzumachen als sei nichts geschehen.

Boom auf Bewährung

Geschehen ist trotz oder wegen der Banken das, was heute die Konjunkturforscher in Deutschland als "Boom auf Bewährung" überschrieben. Im dritten Quartal gab es noch einmal einen Schub, der das Bruttoinlandsprodukt um 0,5 Prozent nach vorne brachte. In der Eurozone jedoch wächst die Wirtschaft nur noch minimal. Und damit sind auch wir bald am Ende: Laut ZEW-Konjunkturbarometer sehen deutsche Finanzexperten die Aussichten so finster wie seit mehr als drei Jahren nicht. Der Indikator, der die Stimmung misst, sank stärker als erwartet. Einen noch niedrigeren Stand meldete das ZEW zuletzt im Oktober 2008 - kurz nach dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehmann.


Mitten ins Herz

Kein Wunder ist es da, wenn die Märkte, worunter die Fachwelt eine anonyme Masse von Investoren versteht, die sich trotz widerstreitender Meinungen letztlich doch immer in eine Richtung bewegt, kein Wunder ist es also, wenn diese Geldgeber die nächsten Ziele ausrufen: Nach den Schuldenstaaten ist jetzt auch das Herz Europas dran. Staatsanleihen der bisher als noch solide geltenden Länder Frankreich, Niederlande und Österreich und Belgien bestraften sie heute mit einer Verkaufswelle.

Ramschstatus für Barnier

Damit solche Wellen nicht noch höher werden, hat sich EU-Kommissar Michael Barnier gerührt. Die EU will Rating-Agenturen mit ihren folgenreichen Noten für die Bonität von Staaten angesichts der Euro-Schuldenkrise an die Kette legen. Mit schärferen Vorschriften soll vor allem der Einfluss der drei großen Agenturen Moody's, Standard & Poor's und Fitch begrenzt werden. Die Agenturen hätten schwere Fehler gemacht und Herabstufungen auf Staatsanleihen zur Unzeit veröffentlicht, kritisierte Barnier heute abend. Sein Vorschlag: Kleinere Konkurrenten der drei Vorsänger sollen stärker ins Geschäft kommen, indem die Emittenten eine Agentur höchstens drei Jahre lang beauftragen dürfen. Viel mehr war es nicht, was Barnier zu bieten hatte. Ohne dass er in den Verdacht geriete, den Überbringer schlechter Botschaften erschießen zu wollen - ich finde es hätte mehr sein dürfen. Das Grundübel der Ratings ist der Interessenskonflikt, in dem die Agenturen stecken. Sie geben ihre Note noch immer oft im Auftrag derjenigen ab, die sie benoten. Und das geht selten gut, weiß ich aus der Schule.

Bentley's Beau

Die gute Nachricht zum Schluss: Wem die Finanzkrise nichts anhaben kann, weil er sowieso nur Schulden hat, die ja nun weginflationiert werden könnten, hat einen guten Grund, sich aufs nächste Frühjahr zu freuen. Denn dann kann er endlich das Dach des neuen Bentley Continental GTC aufklappen. Das 203.000  Euro teure Cabrio galt schon als eines der luxuriösesten und komfortabelsten Autos überhaupt - und wurde noch mal verbessert. Wer mag, beschleunigt den 2,5 Tonner in weniger als 5 Sekunden auf 100 - und stoppt die Beschleunigungsorgie erst bei 314 km/h. Oder gibt einfach ganz langsam auf Prachtboulevards eine bella figura ab, von denen es zum Beispiel am Comer See, Schuldenkrise in Italien hin oder her, immer noch genügend gibt.

Vielleicht fahren Sie ja mit.

Herzlichst Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

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