Oliver Stock
Was vom Tage übrig bleibt

Mario Draghi macht sich selbständig und Josef Ackermann bleibt bis Mai bei der Deutschen Bank angestellt. Olaf Koch könnte bei Metro aufsteigen, und Victor Orban ist der Absteiger des Tages in Europa.
  • 0

Draghi emanzipiert sich

Nicht neu: Manchem Euro-Staat steht das Wasser bis zum Hals. Auch nicht neu: Die Europäische Zentralbank wird aufgefodert, Abhilfe zu schaffen, in dem sie die Notenpresse anwirft. Neu: Der seit einem halben Monat amtierende Chef der Zentralbank Mario Draghi hat bei seinem ersten öffentlichen Auftritt heute klargestellt, dass er da nicht mitmacht. „Glaubwürdigkeit kann man schnell verlieren - und die Geschichte zeigt, dass ihre Wiederherstellung hohe wirtschaftliche und soziale Kosten verursacht“, sagte Draghi und korrigierte damit unser Bild vom italienischen Impressario, der frei nach dem Motto lebt: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Mal sehen, ob Draghi durchhält, was er verspricht. Eine Obergrenze für Anleihekäufe, wie sie im Gespräch ist, würde seinen Worten sichtbare Taten folgen lassen.

 

Ackermann wehrt sich 

Einer, der nicht immer ganz durchhält, was er in Bezug auf die eigene Lebensplanung verspricht, ist Josef Ackermann. Der Deutsche Bank-Chef hat einmal gesagt, dass er 2010 abtreten wollte, dann wurde es 2013, aktuell soll es 2012 werden - und zwar im Mai zur Hauptversammlung. Er hat einmal gesagt, dass er niemals Aufsichtsratsposten anstrebe, dann hat er seine Meinung geändert und sich als Kandidat für den Aufsichtsratschefsessel bei der Deutschen Bank benannt, wovon er jetzt wieder Abstand genommen hat. Er hat auch gesagt, dass Doppelspitzen halbe Lösungen sind, und jetzt bekommt die Bank eine Doppelspitze. Heute ließ er nun mitteilen, dass Handelsblatt-Informationen, wonach einige nicht mehr ganz so Getreue glauben, dass er möglicherweise vor Mai 2012 gehen wird, "frei erfunden sind". Sie dürfen jetzt entscheiden, wem Sie glauben.

Koch macht sich bereit
Bei Metro ist was los. Nicht nur, dass der ehemalige Aufsichtsratschef Franz-Markus Haniel heute zum neuen Aufsichtsratschef gewählt worden ist. Und nicht nur, dass auf der gleichen Sitzung mit Metro-Finanzvorstand Olaf Koch auch schon ein Nachfolger für den noch amtierenden Vorstand Eckhard Cordes gefunden wurde. Nein - es geht auch um den Verkauf der Kaufhof-Kette. Für den bewirbt sich eine österreichische Investorengruppe, die ausgerechnet einen griechischen Reeder als großen Geldgeber im Boot hat, der auf den Marhall-Inseln residiert und in seiner Vergangenheit damit aufgefallen ist, das Geld deutscher Landesbanken zu versenken. Heureka, sage ich mir da. Da wird von meinem Geld Griechenland gerettet. Dort zahlen nämlich zu wenig Vermögende ihre Steuern, weil sie beispielsweise lieber auf den Marshall-Inseln residieren. Und das Geld, was die zu Hause sparen, investieren sie dann in Kaufhof. Wenn ich da einkaufe, rette ich die Griechen zweimal - oder ist da ein Rechenfehler bei mir?

Orban muss geholfen werden

Und dann ist da noch Ungarn. Ist etwas aus dem Blickwinkel gerutscht, dieses Land des Viktor Orbans, der es mit einer Mischung aus Tollkühnheit und Sturheit regiert. Die nationale Karte spielt er auch stets und erklärt gerne, dass Ungarn in der Lage ist, seinen eigenen Weg zu gehen. Bei der Bankenbesteuerung etwa oder bei der Pressefreiheit. Wie lange das gut geht, konnten die, die sich dafür interessieren, heute erfahren: Ungarn hat nach Angaben des Wirtschaftsministeriums in Budapest mit dem Internationalen Währungsfonds und mit der EU Verhandlungen über eine Zusammenarbeit begonnen. "Die Ära der Erneuerung ist nun zu Ende und die Ära des Wachstums ist dabei, zu beginnen“, schrieb das Wirtschaftsministerium wörtlich. Kruder lässt sich nicht ausdrücken, dass das Land mit seinem Sonderweg am Ende ist. IWF und EU hatten zuletzt 2008 mit einem Notkreditpaket von 20 Milliaren Euro Ungarn vor dem Staatsbankrott gerettet. Das hat offenbar nicht gereicht.

 

Ich wünsche Ihnen ein diskussionsfreudiges Wochenende

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Oliver Stock: Was vom Tage übrig bleibt"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%