Was vom Tage bleibt
Achtung Irrflieger!

Die Lufthansa ist auf Kurssuche. Draghi steuert einen zweischneidigen Kurs. Und bei der Deutschen Bank kommen neue Kurshalter ins Spiel. Der Tagesbericht.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Weber will nur helfen

Die Lufthansa fliegt im Nebel. Konzernchef Christoph Franz lenkt den Kranich. Wohin - das weiß nicht einmal er selbst so genau. Was er weiß, ist aber, dass sein Kurs für 3500 Mitarbeiter einen Jobwechsel bedeutet. Franz ließ ankündigen, dass so viele Stellen in der Verwaltung wegfallen sollen. Das bei den Menschen gesparte Geld soll in Maschinen investiert werden. 170 Jets mit einem Listenpreis von mehr als 17 Milliarden Euro sind bestellt, die Flotte muss dringend jünger, leiser und angesichts der Kerosinpreise vor allem effizienter werden, mahnt Franz. Reicht das? Lufthansas Geschäftsmodell gerät von zwei Seiten unter Druck: Vor allem zu Zielen in Asien und Afrika haben die staatlich gestützten Golf-Carrier einen Preiskrieg entfacht. Und in Europa operieren Billigflieger wie Ryanair und EasyJet zu einem Bruchteil der Lufthansa-Kosten. Die deutsche Vorzeigeairline reagiert und stärkt die Billigtochter Germanwings. Welches Produkt die Kunden bevorzugen, edel oder billig, das müsse die Zukunft weisen, sagt Franz und hinterlässt damit auch beim Aufsichtsrat Fragezeichen. Jürgen Weber, der eigentlich schon den Sessel räumen wollte, meldete sich gestern mit folgenden Worten: "Ich trete wieder etwas stärker an die Öffentlichkeit, nicht weil ich dem Vorstand um Christoph Franz nichts zutraue, sondern weil ich ihm helfen will." Es ist jetzt an Franz herauszufinden, ob dieser Helfer im Rücken einen Dolch in der Hand trägt.

Mein Gott Draghi!

Wäre der Italiener Mario Draghi eine römische Gottheit - dann käme am ehesten die Rolle des doppelköpfigen Janus für ihn in Frage. Draghi hielt heute eine Sitzung der Europäische Zentralbank in Barcelona ab - in dem Land also, das derzeit im Zentrum der Schuldenkrise steht. Die Botschaft nach der Sitzung war janusköpfig: Der Leitzins, der seit einem halben Jahr bei einem Prozent steht, dürfte noch für einige Zeit auf diesem Niveau bleiben. Ihn zu senken kommt angesichts einer möglichen Inflation jedenfalls nicht in Frage. Für einen unter anderem von der Bundesbank und Wirtschaftsminister Philipp Rösler favorisierten Ausstieg aus der Politik des billigen Geldes sei es andererseits nach wie vor zu früh, wiederholte Draghi und zeigte damit sein anderes Gesicht. Am Finanzmarkt sorgte er so für Enttäuschung bei Investoren, die zumindest auf die Andeutung einer Zinssenkung gehofft hatten. Der Dax gab nach, während der Euro zulegen konnte.

Wenn Porschefahrer streiken

In Zuffenhausen war heute während der Hauptschicht folgendes zu bewundern: Etwa 3000 Beschäftigte des Porsche-Werks, von denen einige gerne im Auto aus eigener Produktion anrollten, hatten die Arbeit niedergelegt. Sie, die für das vergangene Jahr durchschnittlich 7600 Euro an Jahresprämie eingestrichen haben, fordern 6,5 Prozent mehr Lohn. So will es ihre Gewerkschaft, die IG Metall. Dass Porsche das beste Beispiel dafür ist, dass von einer flexiblen Bezahlung alle Seiten am meisten profitieren - stört heute offenbar weder die IG-Metaller noch die Porschefahrer.

Der neue Wahlschweizer

So ziemlich ohne Diskussion haben die Aktionäre der Schweizer Großbank UBS den ehemaligen Bundesbank-Präsidenten Axel Weber mit großer Mehrheit zum neuen Präsidenten gewählt. Weber ist ohne Zweifel ein guter Mann. Sein Bank-Vorstand, der Italiener Sergio Ermotti, ist es hoffentlich auch. Aus Schweizer Sicht sitzen damit zwei Ausländer an den Schalthebeln der Macht im größten Schweizer Unternehmen - einer Firma, die in Fragen der Besteuerung des Vermögens ihrer Kunden von Amerikanern und auch von einigen Deutschen so mächtig unter Druck geraten ist, dass sie sich auf die Unterstützung der Politiker in Bern einhundertzwanzigprozentig verlassen können muss. Der Italiener und der Deutsche müssen sich diese Unterstützung allerdings erst noch erarbeiten.

Starkes Triumvirat

Manfred Pohl ist der ehemaliger Haushistoriker der Deutschen Bank. Der Verfasser von Firmen-Geschichten wie der "Knorr-Bremse" hat jetzt ein Buch über Josef Ackermann geschrieben, das den Nebentitel "Leistung aus Leidenschaft" trägt und damit just den Werbeslogan der Bank wiederholt. Auch sonst ist das Werk frei von Kritik. Dass es dennoch nicht überflüssig ist, liegt am letzten Kapitel. Dort geht es um die Nachfolge von Pohls Helden. Die jetzige Lösung verheiße einen Neustart: Jürgen Fitschen, Anshu Jain und Paul Achleitner versprechen Kompetenz und Zukunftsfestigkeit. „Die Nachfolger – ein starkes Triumvirat“, so beschreibt es der Hofhistoriker und macht sich damit gegenüber der Nachwelt verdient: Immerhin schreibt er zum ersten Mal auf, dass auch der künftige Aufsichtsratsvorsitzende Paul Achleitner, der vom Versicherer Allianz zur deutschen Bank wechselt, jemand ist, der als legitimer Nachfolger Ackermanns das Rennen machen könnte. So hatte das in der Bank bisher noch keiner offiziell gesehen.

Gelungener Ausflug

Delmenhorst trifft Ahmadinedschad. Diese Vorstellung, die den Bürgern des mittelkleinen Ortes in Niedersachsen nicht ganz so behagt, ist für einen aus ihrer Mitte Wirklichkeit geworden. Der Delmenhorster FDP-Landtagskandidat Claus Hübscher hat nämlich während einer Gruppenreise in den Iran den Anführer des Regimes in Teheran getroffen. Jetzt muss sich Hübscher Fragen zu seinem touristischen und politischen Auswahlkriterien gefallen lassen. Dabei hat er doch wahrscheinlich nur einen Diktator bloßstellen wollen, der sich aus lauter politischer Einsamkeit mit dem stellvertretenden Kreisvorsitzenden einer Splitterpartei trifft. An sich ist ihm das gut gelungen.

Einen gelungenen Abend wünscht Ihnen

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

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  • Sergio Ermotti ist Schweizer und kein Italiener.

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