Was vom Tage bleibt
Alles eingepreist!

Die Niederlage der FDP, der doppelte Rettungsschirm, neue Warnstreiks - so richtig erschüttern kann das niemanden, der von der Börse lernt, mit Ungemach umzugehen. Das zeigt der Tagesbericht.
  • 0

Guten Abend Ihnen allen,

Nach der Wahl

Es gibt zweieinhalb Lehren aus der Wahl im Saarland. Die erste geht so: Die Piratenpartei hat Erfolg, weil sie eine Strömung widerspiegelt, die bisherige Nichtwähler genauso anspricht, wie vor allem Teile der Grünen, der SPD und der FDP. Unterm Strich leiden alle Gedankenspiele künftig darunter, dass es mit den Piraten als sechster Kraft in einem Parlament nicht mehr so einfach sein wird, eine Mehrheit mit zwei Parteien, die nicht CDU und SPD heißen, zusammenzustellen. Aktuell betrifft das die Pläne für eine rot-grüne Zusammenarbeit am deutlichsten. Zweitens: Die FDP liegt am Boden, aber das ist nicht neu und, wie die Börsianer sagen würden, der Verlust an der Saar war eingepreist. Ein mögliches Verfehlen des Schleswig-Holsteiner Landtags und alles unter fünf Prozent auch in Nordrhein-Westfalen wird die Partei allerdings erschüttern. Und die halbe Lehre zum Schluss geht so: Die SPD geht nicht auf Biegen und Brechen mit den Linken zusammen ins Bett. Dies ist aber nur eine halbe Lehre, weil sie eben nur da gilt, wo Oskar Lafontaine einen SPD-Politiker direkt vor den Kopf gestoßen hat. Heiko Maas ist das in Saarbrücken einmal passiert. Andere haben diese Erfahrung noch vor sich.

Die nächste Rettungsstufe

Deutschland gibt seinen Widerstand gegen einen höheren Schutzwall für die Euro-Zone endgültig auf. Angela Merkel sprach sich dafür aus, die Euro-Rettungshilfen auszuweiten - auf zeitweise bis zu 700 Milliarden Euro. Der im Juli startende dauerhafte Rettungsschirm ESM und sein Vorgänger EFSF sollen bis Mitte 2013 parallel so aufgespannt werden, dass sie ihre Dichtigkeit gegen Finanzdebakel ergänzen. Die Haftung Deutschlands könnte damit - zumindest eine Zeitlang - über die bisherige Maximal-Bürgschaft von 211 Milliarden Euro klettern. In welchem Umfang, ist offen. Spekuliert wurde über einen vorübergehenden Garantie-Rahmen von bis zu 280 Milliarden Euro. Die Bundesregierung reagiert damit auf wachsenden Druck der USA und anderer Staaten sowie des Internationalen Währungsfonds. Damit haben wir die nächste Phase der Euro-Rettung, die wie immer vor allem an den Deutschen kleben bleibt. Regt sich noch einer auf? Nein. Das Sprichwort der Börsianer, das zynische, funktioniert auch hier: „Ist alles eingepreist!“

Vor dem Streik

Die Anti-Dienstleistungsgewerkschaft Verdi weitet den Tarifstreit des öffentlichen Dienstes auf das Bodenpersonal der Flughäfen aus. Verdi, die damit Dienstleistungen am Passagier verhindert, ruft für morgen zu mehrstündigen Streiks auf. Die Deutsche Lufthansa streicht deswegen mal schlankweg 400 Flüge. Der Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst gelte auch für viele Beschäftigte der Flughäfen, begründete die Gewerkschaft die Ausweitung der Streiks. Interessant ist, dass das ganze nur Warnstreiks sind , die ohne Urabstimmung möglich sind, aber für Passagiere die gleichen Folgen haben wie echte Streiks. Interessant ist auch, dass jede Bewegung der Arbeitgeberseite unverändert mit Streiks beantwortet wird. Was sich da tun lässt? Am besten Verspätungen einpreisen.

Sanierung ohne Sündenfall

Auf alles zwanzig Prozent außer auf Tiernahrung. So ähnlich warb die angeschlagene Baumarktkette Praktiker einmal um ihre Kunden. Jetzt ergeht es auch den Investoren des Unternehmens so ähnlich wie den Kunden. Praktiker-Chef Thomas Fox braucht 300 Millionen Euro und verhandelt mit den Gläubigern über niedrigere Zinszahlungen auf die Anleihe. Der größte Aktionär, die Investmentgesellschaft Maseltov, macht bereits mit, teilte Fox heute mit. Wir kennen Fox übrigens von Karstadt, wo er sich auch als harter Verhandler erwies. An sich wäre Schlecker ein Fall für ihn gewesen, denn wenn Fox in seinem umtriebigen Leben als Sanierungsmanager eines nicht gemacht hat, ist es, in Sünde zu verfallen und nach Staatshilfe zu rufen.

Lassen Sie heute Abend die Sünde einfach Sünde sein

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Was vom Tage bleibt: Alles eingepreist!"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%