Was vom Tage bleibt
Das Bauernopfer

Der Landwirtschaftsminister tritt zurück. Im Fall Edathy ist er aber nur ein kleines Licht. Renzi greift nach der Krone in Rom. Und die Sparkassen-Chefs wollen ihre Gehälter nicht offenlegen müssen. Der Tagesbericht.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Sagt, wo die Vertuscher sind

30 Stunden – das ist schnell: So lange hat es vom ersten Wehlaut darüber, dass ein Verdächtiger vorgewarnt wurde, gedauert, bis der dafür mitverantwortliche Minister zurückgetreten ist. Der ehemalige Innenminister und jetzige CSU-Bundeslandwirtschaftsminister Hans-Peter Friedrich musste heute seinen Hut nehmen, weil er gegenüber SPD-Chef Sigmar Gabriel ausgeplaudert hatte, dass es eine Akte Edathy gibt, in der steht, dass Edathy Fotos an der Grenze zu Kinderpornografie gekauft haben soll. Warum er geplaudert hat? „Als vertrauensbildende Maßnahme“ während der Koalitionsverhandlungen, sagt sein Sprecher. Hier menschelt es. Man stelle sich vor: Der ausgewiesene Innenpolitiker Edathy wäre möglicherweise mit einem Staatsamt bedacht worden, hätte Friedrich nicht einen dezenten Hinweis an die Konkurrenz gegeben. Dafür muss er jetzt mit seinem Amt bezahlen. Er ist ein Bauernopfer. Die eigentlichen Vertuscher, die es zu verantworten haben, dass die Ermittler im Fall Edathy vor einem Scherbenhaufen stehen, sitzen anderswo.

Jetzt kommt der Verschrotter

Das sind italienische Verhältnisse in Berlin, mag sich manch einer heute gesagt haben. Er wird eines Besseren belehrt, wenn er nach Rom schaut. Dort ist Enrico Letta Geschichte, die neue Gegenwart heißt: Matteo Renzi. Er schickt sich an, Letta als Ministerpräsident zu beerben. 39 Jahre jung, ehemaliger Pfadfinder-Vorsitzender und Bürgermeister von Florenz, profitiert Renzi von seiner Außenseiterposition. Er saß noch nie im römischen Parlament. Schon vor zwei Jahren hatte er wörtlich gefordert, die alten Kader seiner Partei PD zu „verschrotten“. Das brachte ihm Parteifeinde und den Spitznamen „Verschrotter“ ein. Als er trotzdem zum neuen Parteisekretär gewählt wurde, machte er ernst. Sein Führungszirkel besteht aus überdurchschnittlich jungen weiblichen Menschen. Wer Renzi maßlosen Ehrgeiz vorwirft, dem widerspricht der Betroffene nicht, weil er darin nichts Negatives sieht. In seiner Rede, die den Anfang vom Ende Lettas einleitete, sagte er: „Wir müssen einen maßlosen Ehrgeiz haben: der Parteisekretär ebenso wie der letzte Delegierte“. Anschließend setzte er sich in enger Lederkluft in eine Talkshow, sagte öffentlich, er wolle Neuwahlen abwarten, um ein paar Tage später ohne Wahlen nach der Krone zu greifen. Das, liebe Berliner, sind wahre italienische Verhältnisse.

Der Charme des Geldes

Die Sparkassenchefs in Nordrhein-Westfalen haben es nicht gerne, wenn die Welt ihnen ins Portemonnaie guckt. Einen Gesetzesantrag der Piratenfraktion im Düsseldorfer Landtag finden sie jedenfalls unpassend. Er verlangt, dass die Einkommen der Sparkassenleiter in einer maschinenlesbaren Datenbank veröffentlicht werden müssen. Bislang gilt die Regel, dass die Eigner der Sparkassen „darauf hinwirken“, dass die Gehälter veröffentlicht werden – dezentral und nicht maschinell lesbar im Bundesanzeiger. Experten bezeichnen den Gesetzentwurf als Fortschritt. In einem Monat wird sich der Landtag von neuem mit dem Thema befassen. Bis dahin haben die Sparkassen Zeit, die Mehrheit im Landtag davon abzubringen, den Gesetzentwurf gutzuheißen. Sie werden ihren ganzen Charme aufwenden müssen - von dem sie allerdings eine Menge haben. Denn wie heißt es: Der Charme des Geldes liegt in seiner Menge.

Wie das Geld zur Tür hereinkommt

Karl Lagerfeld hat auch so seine Einstellung zum Geld. Der Modefürst eröffnete heute eine Ausstellung in Essen. Sein Wahlspruch lässt das Herz jedes Bankers schneller schlagen: „Man muss das Geld zum Fenster rauswerfen, damit es zur Tür wieder reinkommt.“

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Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Was vom Tage bleibt: Das Bauernopfer"

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  • Hallo Her Stock,

    zum Thema Handelsblatt-Online verbessern:

    1. Wenn ich zu einem Artikel meinen Senf abgeben möchte, muss ich mich einloggen. Nachdem ich mich eingeloggt habe, erscheint regelmäßig die Seite mit den Nutzerdaten etc. Ich würde mich freuen, dass ich, nachdem ich mich eingeloggt habe wieder auf der Seite mit dem Artikel lande, den ich kommentieren möchte. Zur Zeit muss man erst wieder mühsam die Seite mit dem Artikel suchen.
    2. Ich stimme einem User zu, der die Seitenfähnchen mit den "Homepage Top-News" nervig findet.
    3. Was kann das Handelsblatt zur Förderung der Aktienkultur in Dtld beitragen? Die meisten Bundesbürger sind in Sachen Aktien absolute Greenhorns. Wen wundert es, da an den Schulen das Thema Wirtschaft u. Finanzen aus ideologischen Gründen stiefmütterlich behandelt wird. Ein User hat Recht, wenn er die reißerischen Überschriften "Die besten Aktien" etc. kritisiert. Mein Vorschlag: Bieten sie etwas Spezielles zum Thema Value an. Angefangen von Kennziffern eines Unternehmens wie EK-Quote, EK-Rendite, Umsatzrendite, Cash-Flow-Marge, Gewinne/Aktie. Da gibt es bestimmte Parameter.Vielleicht noch in einer schönen übersichtlichen Tabelle mit einen Zeitraum der letzen 5-10 Jahre dargestellt.
    In diesem Zusammenhang hätten Sie auch die Möglichkeit im Rahmen journalistischer Ermittlungen, die Aktien, die in irgendwelchen Börsenblättern reißerisch angeboten werden (z.B. abenteuerliche Minenaktien) kritisch auf Herz und Nieren zu prüfen. Ich gebe zu, das wäre ein bisschen aufwendig.
    4. Ich lese mit Freuden die Kommentare der anderen User und nicht wenige haben einen wirklich hohen Unterhaltungswert. Heben Sie doch einfach die witzigsten oder aus ihrer Sicht sachdienlichsten Kommentare im "Was vom Tage bleibt" hervor. Im Fall Edathy wurde mit "gurkenmurkser" und "kuac" ein Anfang gemacht. Find ick juut!

    Schönes Wochenende.

    Gruß

    N.W.

  • Zu allem was in diesen Tagen passiert: wir hätten nicht die Zeit dafür in einer akuten Wirtschaftskrise.

    Nicht nur, dass die Bundesrepublik Deutschland aufgrund ihrer Rettungspolitik ( Kurzarbeitergeld, Umweltprämie, Investitionen, die ohnehin fällig waren) heute die kleinste Jugendarbeitslosenquote hat. Sondern darüber hinaus hat Deutschland einen Plan, wie der Staat der Zukunft aussehen soll: umweltfreundlich, solidarisch, aufgeklärt.

    Inmitten dieser Tage um Edathy, Gabriel und Schäuble ( Steuerabkommen? ...so ein Schwachsinn) , zeigen sich die nahezu stabilen innenpolitschen Verhältnisse. Der Rechtsstaat hat den Überblick, weil er nicht durch wirtschaftliche Irritationen gestört wird. Steuerfahndung hier, Strafvereitelung dort, Rechtsbeugung, Geschwindigkeitsüberschreitung, Umweltverschmutzung.

    Obtrotz der außenpolitischen Situationen, die in den deutschen Medien immer mal wieder aufgezeigt werden, wird die Rechtssicherheit, die wir in Deutschland genießen kaum beachtet. Ich denke, die Krisenpolitik hatte zunächst verhindert, dass Fälle wie Edathy, Schwarzer und Schäuble nicht aufgedeckt werden. Auch der Fall Wulff hier bei uns in Hannover, wäre in Zeiten wirtschaftlicher Verunsicherung nicht derart hartnäckig voran getrieben worden.

    Mir selbst stockt zwar noch der Atem, wenn ich an die vergangenen Monate denke, und mit Merkel in der Kanzlerschaft, wird sich vorerst nichts schwerwiegendes ändern. Allerdings haben wir die Entwurzelung unserer deutschen Sitten erkannt. Wir wissen was wir wollen: keine Kinderschänder, Steueramnestien, Vorteilsnahme.

    Unser Rechtsstaat kommt in Folge der Stabilisierung der Privatwirtschaft und der Staatswirtschaft zur Geltung. Gutmensch zu sein heißt auch dann noch zu helfen, wenn eine Krise droht. Wir ernten jetzt rechtsstaatliche Aufklärung dafür. Das ist viel.
    Nachdem die Volkswirte ihren Job gemacht haben, sind nun die Juristen am Zug. Da kann ich nur abermals alles Gute und viel Glück wünschen. Und|Danke für alles.

  • Aus einem fiktiven Telefonat
    "Hallo Sigmar"
    "Hallo"
    "Wie geht es Dir?"
    "Worum geht es?"
    "Also wir wissen da was"
    "Sollte das wichtig sein?"
    "Wir wollten Dich nur informieren"
    "Also weiter mit den Verhandlungen?"
    "Find ich auch".
    "Gehts Dir gut?"
    "Danke"
    "Und selbst?"
    "Sollte es uns schlecht gehen?"
    "Tschüss"
    "Tschüss"

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