Was vom Tage bleibt: Das Ende der Kaltmamsell

Was vom Tage bleibt
Das Ende der Kaltmamsell

Einzelhändler kündigen Tarifverträge. Banken geben der EZB Geld zurück. Sonnenkönig Asbeck durchlebt schwere Stunden. WDR-Intendantin Piel schmeißt hin. Die Tageskommentare.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Tragischer Held

Preisfrage: Wer hat am meisten dazu beigetragen, dass wir nicht mehr minütlich glauben, jetzt fliegt uns der Euro um die Ohren? Merkel, Draghi oder Samaras? Eindeutig Draghi. Der hat heute wieder einen Punkt gemacht, als er ankündigte, dass nächste Woche 278 Banken die erste Gelegenheit nutzen und Milliarden Euro an die EZB zurückzahlen, die sie sich auf dem Höhepunkt der Verunsicherung geliehen hatten. Draghi ist ein Held. Zumindest, wenn wir mal vergessen, was er mit seiner dauerhaften Niedrigzinspolitik zum Beispiel bei unseren Versicherungen anrichtet. Wer darüber nachdenkt, dürfte in dem Italiener eher einen tragischen Helden sehen.

Ende der Kaltmamsell

In den Tarifverträgen, die Einzelhändler mit ihren Mitarbeitern abschließen, findet sich viel Nostalgie: Von Fahrstuhlführern ist da die Rede, von einer Kaltmamsell, von Pelznäherinnen. Auch die Telefonistin mit 13 Leitungen ist vertreten. Außerdem gibt es Regelungen für ehemalige Angehörige der Wehrmacht, Flakhelfer und Rückkehrer aus Kriegsgefangenschaft. Das ganze Vertragswerk stammt aus den fünfziger Jahren und müsste wie ein Haus aus dieser Zeit grundsaniert werden. Darüber, wie es anschließend aussehen sollen, streiten sich Einzelhändler und Gewerkschaft seit Jahren. Jetzt ist den Arbeitgebern der Geduldsfaden gerissen und sie wollen alle Manteltarifverträge der Branche kündigen. Verdi spricht von einer „Kampfansage“: Hoffentlich werden die ehemaligen Angehörigen der Wehrmacht nicht doch noch gebraucht.

Der Gesundbeter

Er trägt den Beinamen „Sonnenkönig“: Frank Asbeck, Chef von Solarworld. Gestern Nacht hat er eine Mitteilung herausgeben müssen, die kein König gerne unters Volk streut. Er gab bekannt, dass er mit Gläubigern über eine Reduzierung der Schulden reden wolle. Als wir ihn heute fragten, ob sein Königreich untergehen werde, sagte Asbeck: „Eine Insolvenz droht nicht. Wir haben eine positive Fortführungsprognose.“ Kann so ein Attest beruhigen? Angesichts von Schulden, die offenbar erdrückend sind, klingt es stark nach Gesundbeterei.

Rücktritt einer Hochbezahlten

Monika Piel hat mit ihrem Gehalt, das über dem von Frau Merkel liegt, dazu beigetragen, dass das deutsche Rundfunksystem das teuerste der Welt ist. Heute Abend hat die WDR-Intendantin ihren vorzeitigen Rücktritt angekündigt. Vielleicht hat sie das aktuelle Handelsblatt gelesen, dass die Nimmersatten bei ARD und ZDF aufs Korn nimmt. Vielleicht hat sie auch die Meinung des Verfassungsrechtlers Christoph Degenhart gelesen, der juristisch korrekt in der FAZ begründet, dass die neue Gebühr keine individuell zuzuordnende „Vorzugslast“, sondern eine „Gemeinlast“ und also eine Steuer sei. Für eine solche fehle es den Bundesländern, die den Rundfunkbeitrag beschlossen haben, an der Gesetzgebungskompetenz. Der Jurist erkennt damit, was wir schon seit Monaten wussten: Die Rundfunkgebühr ist willkürliche Abzockerei. Piel will da nicht mehr mitmischen. Ihre Pension wird allerdings auch nicht schlecht sein.

Achtung Sexismus

Die Tweets laufen im Nachrichtendienst Twitter im Sekundentakt ein: über gierige Blicke auf der Straße. Über Dozenten, die ihre Studentinnen zu sich nach Hause einladen, um bei einem Kaffee über die Hausarbeit zu sprechen. Über Banker, die ihre „frauenlose Abteilung“ mit den Worten rechtfertigen, diesen „Umgangston wolle man auch keiner Frau antun“. Es geht um „Sexismus“, ausgelöst durch einen Betroffenheits-Artikel im „Stern“ über den Umgang Rainer Brüderles mit einer Journalistin. Was ist eigentlich „Sexismus“? Ich kenne nur den spannungsgeladenen Umgang der Geschlechter. Wo er eine Grenze überschreitet, wird es ungemütlich für alle Beteiligten. Diese Grenze, finde ich, muss jeder selbst finden und verteidigen.

Ein spannendes Wochenende wünscht Ihnen

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Was vom Tage bleibt: Das Ende der Kaltmamsell"

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  • Draghi ist der gefährlichste Notenbanker aller Zeiten. Das ist jetzt in der Tat der totale Draghi.

    Die Ankündigung Draghis die Staatsschulden durch die Notenpresse zu finanzieren ist damit unmittelbar gegeben. Im ESM sind Rettungsgelder, die quasi oberfaul und uneinbringbar sind. Und gleichwohl wird der ganze Schrott aufgekauft. Die EZB hat den Zirkus um Davos geschickt genutzt um die fundamentalste Entscheidung der letzten beiden Jahre fast klammheimlich durchzudrücken. Ab sofort sagt auch der Leineweber: Die Notenpresse wird zur Finanzierung der Staatshaushalte eingesetzt. Das war bis heute noch nicht klar, vgl. fortunanetz 22. August 2012. Jetzt sind alle Dämme gebrochen.
    Dass die Meldung einer läppischen Rückzahlung der einen Billion lanciert wurde ist unfassbar. Und kein Journalist merkt`s!

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