Was vom Tage bleibt
Das letzte Tabu

Nazi-Vergleiche gehen in Deutschland stets daneben. Das hat seinen guten Grund. Bei Siemens geht's ans Aufräumen. Joko und Klaas sind die Besten. Der Tagesbericht.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Ohne Hitler

Nazivergleiche sind hierzulande fehl am Platz. Viele von uns haben ein Gespür dafür und zucken deswegen zusammen, wenn Politiker, wie die ukrainische Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko heute in einem Interview, Putins Rede mit der Kriegserklärung Hitlers von 1939 vergleicht. Wir zucken auch zusammen, wenn Putin selbst von Nazi-Schergen und Antisemiten auf dem Maidan-Platz fabuliert. Und wir empören uns, wenn Hillary Clinton den russischen Machthaber mit Hitler vergleicht. Dass in Deutschland eine Mehrheit so reagiert, hat seinen guten Grund. Auf hohem und nicht ganz so hohem Niveau haben Politiker, Historiker, Intellektuelle und Stammtischbrüder einst gestritten, ob es zulässig ist, die Verbrechen der Nazis mit anderen historischen Untaten zu vergleichen – etwa mit den Lagern Stalins. Das Ergebnis des Historikerstreits war: Wenn Deutsche so einen Vergleich ziehen, setzen sie sich dem Verdacht aus, die Verbrechen, die von ihrem Land einst ausgingen zu relativieren. Deswegen sollten wir es besser lassen. Ob sich Politiker anderer Länder daran halten, bleibt ihrem Geschmack überlassen. Für uns gilt: Hände weg, Mund halten bei Vergleichen mit dem Dritten Reich. Demut vor der eigenen Geschichte ist eine Haltung, die uns gut steht.

Alles neu

Siemens-Chef Joe Kaeser denkt darüber nach, die vier bestehenden Konzernsektoren aufzulösen. „Zu viel Bürokratie“, ist der Begründung, wie unser Münchner Handelsblatt-Kollege Axel Höpner erfuhr. Die Struktur war von Kaesers Vorgänger Peter Löscher geschaffen worden. Er teilte das Unternehmen in die Bereiche Industrie, Energie, Medizintechnik und Infrastruktur ein. Kaeser steht mit seiner Überlegung in einer gewissen Tradition: Nachfolger finden selten das gut, was Vorgänger hinterlassen haben. Die meisten pflegen ein Verhältnis herzlicher Abneigung.

Totes Pferd

Es gibt ein altes indianisches Sprichwort. Es heißt: „Wenn das Pferd tot ist, steig ab.“ Der Kampf gegen den Mindestlohn ist so ein totes Pferd. Andrea Nahles hat ihn gewonnen. Dass sie kaum Abstriche bei ihrem Vorhaben macht, ist nur noch eine Fußnote und keine Aufregung wert. Deutschland wird am Mindestlohn nicht zugrunde gehen.

Blutsteine

Die massive Kritik an der Fußball-WM 2022 in Katar reißt nicht ab. Laut einer Studie des Internationalen Gewerkschaftsbundes sollen seit der Vergabe der WM an den Wüstenstaat 1.200 Arbeiter aus Indien und Nepal auf den Baustellen für das Megasportevent umgekommen sein. Noch weitere 2.800, schätzt der Bund, werden bis zum Anpfiff des Auftaktmatches sterben – wenn sich in dem Golfemirat nichts ändert. Der Stadienbau erinnert an den Pyramidenbau. An den Steinen klebt Blut.

Grimme-Preis für leichte Muse

Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf heißen Joko und Klaas und sind seit heute Fernseh-Preisträger, Grimme-Preisträger um genau zu sein. Was würde Klaas jetzt zu Joko sagen? Im Fundus seiner Sprüche steht zum Beispiel der: „Du bist ja auch son bisschen was wie das iPhone 5 unter den deutschen Moderatoren. Dünn, leicht und sinnloserweise ein bisschen zu groß.“

Einen leichten Abend wünscht Ihnen

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Was vom Tage bleibt: Das letzte Tabu"

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  • "Das Ergebnis des Historikerstreits war: Wenn Deutsche so einen Vergleich ziehen, setzen sie sich dem Verdacht aus, die Verbrechen, die von ihrem Land einst ausgingen zu relativieren. Deswegen sollten wir es besser lassen."
    Warum darf man z.B. die Verbrechen Stalins, das millionenfache Leid, welches auch er verursacht hat, nicht in einem Atemzug mit den Verbrechen Hitlers nennen, ohne sich dem Vorwurf der "Relativierung" auszusetzen? Ich will es Ihnen sagen Herr Stock: Weil gewisse linke Meinungsführer, Friedensforscher, Historiker ein elementares Interesse daran hatten und noch haben, die Verbrechen, die im Namen des Sozialismus begangen wurden, unter den Teppich zu kehren bzw. zu verharmlosen, ansonsten hätte sich diese Ideologie, die das Paradies auf Erden verheißt, von selbst erledigt. Vom Urvater dieser Ideologie, J-J Rousseau, ganz zu schweigen. Deswegen haben genau diese Historiker, Forscher auch genau darauf geachtet, dass statt "Nationalsozialismus" der Begriff "Faschismus" verwendet wird. Denn wie wir sehen, steckt im Begriff "Nationalsozialismus" das Wörtchen "Sozialismus". Denn auch Nazis waren Sozialisten, die, abgesehen von ihrem nationalistischen Gedankengut, eine Menge Gemeinsamkeiten mit der Ideologie des Sozialismus hatten und haben. So etwas hören unsere linken Freunde gar nicht gerne.
    Und als Bürger dieses Landes, jüdischen Glaubens, dessen Mutter 1944 ihren zehnten Kindergeburtstag im KZ Bergen-Belsen gefeiert hat, als Bürger, der bis 1989 den Sozialismus "genießen" durfte, werde ich auch weiter solche Vergleiche begrüßen. Denn sie realitivieren nicht, sondern mahnen zur Wachsamkeit. Denn auch unter unseren linken Paradiessuchern gibt es nicht wenige Antisemiten.

  • PS

    Wer war das noch, der sagte, die Deutschen kröchen entweder herum wie die Hunde oder kommandierten wie auf dem Exerzierplatz?

    Wer war das nochmal?

  • "Demut vor der eigenen Geschichte ist eine Haltung, die uns gut steht."
    ____________________________

    Wiki meint:
    "Der Ausdruck Demut kommt von althochdeutsch diomuoti (‚dienstwillig‘, also eigentlich ‚Gesinnung eines Dienenden‘)".
    Schwierig sowas, weil Auschwitz und Dienstwilligkeit irgendwie auch nicht zusammenpassen wollen, und doch nicht anders können als es zu müssen vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte.

    Respekt jedenfalls vor Ihrem Mut, diese Wunde in Deutschland, trotz derzeitiger Selbstgerechtigkeit vieler Außenstehender, an- und ausgesprochen zu haben.
    Beste Grüße

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