Was vom Tage bleibt
Den Türken auf den Leim gegangen

Entweder die Bewegung war keine, oder wir haben uns getäuscht: Die Türken vertrauen trotzt Massenprotesten auf Erdogan. Die Franzosen hätten am liebsten Hollande gefeuert, konnten es aber nicht. Der Tagesbericht.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Irritierte Deutsche

War da was? Hat es in der Türkei nicht jüngst eine Regierungsumbildung gegeben, bei der die Hälfte der Mannschaft über eine Korruptionsaffäre stolperte? Gab es in Istanbul nicht diese Demonstrationen, die so aussahen, als würden sie gleich die Regierung hinwegfegen? Kann nicht sein. Denn der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan hat jetzt eine Wahl abgehalten, eine Kommunalwahl zwar, aber er selbst stilisierte sie zur Vertrauensabstimmung. Er hat sie haushoch gewonnen. Seine Partei konnte gegenüber der Kommunalwahl von 2009 sogar um fast sieben Prozentpunkte zulegen. Wir müssen uns geirrt haben. Da war zwar was – aber es war offenbar ein Rummel, der uns Deutsche mehr irritierte als die Türken selbst.

Krieg mit Worten

Es sind dramatische Worte, die die Lufthansa gewählt hat: Der Streik der Piloten sei „einer der größten Ausstände in der Geschichte“ des Unternehmens. Mehr als 425.000 Fluggäste seien betroffen. Die Superlative zeigen: Hier wird nicht mehr verhandelt, hier wird gekämpft. Der Pilotenvereinigung Cockpit geht es um Geld, das die Lufthansa nicht zahlen will. Wer kämpft, rechnet mit Verletzten. Erstmal werden das die Fluggäste sein, die zu Flughafengästen werden.

Gabriel hört auf Kraft

Kurz vor dem Bund-Länder-Spitzentreffen zum neuen Ökostrom-Gesetz schaltet Vizekanzler Gabriel voll auf Bundeswirtschaftsminister um: Er will der Industrie weiter entgegengekommen. In neuesten Gesetzentwurf aus seinem Haus ist die Befreiung von der Abgabe zur Ökostrom-Förderung aller laufenden Industrie-Kraftwerke, die zur Eigenversorgung dienen, verankert. Es könnte sein, dass es nicht nur der Wirtschaftsminister ist, der sich da Gehör verschafft, sondern auch der SPD-Vorsitzende, der auf seine wichtigste Matadorin Rücksicht nehmen muss: Hannelore Kraft aus Nordrhein-Westfalen musste den Unternehmen in ihrem Land eine Stimme verleihen. Sie tat es mit Erfolg.

Frau am Steuer

Stellen Sie sich vor, Sie fahren auf der Autobahn, mit circa 130 km/h, im dichten Verkehr auf der linken von drei Spuren. Plötzlich geht der Motor aus, das ganze Fahrzeug rollt ohne Strom. Keine Servolenkung mehr, kein ABS, keine Airbag-Funktion. Für Autofahrer ein Horrorszenario, das sich so oder ganz ähnlich jederzeit in hunderttausenden Fahrzeugen verschiedener Modellreihen des US-Autoherstellers General Motors abspielen kann. Denn in ihnen sind defekte Zündschlösser verbaut. Dafür muss sich GM-Chefin Mary Barra morgen vor dem US-Kongress verantworten. Dass ausgerechnet sie, die als erste Konzernchefin dieses Problem überhaupt offensiv angegangen ist, die Fehler ihrer Vorgänger ausbaden muss, zeigt: Frauen sind vorne, erst recht am Steuer.

Nummer eins darf bleiben

Der Prügelknabe für die Wahlniederlage der französischen Sozialisten trägt einen Namen: François Hollande. „Das ist keine Warnung, das ist ein Tritt in den Hintern“, bilanzierte die Regionalzeitung „Le Républicain Lorrain“ heute drastisch. Die Folgen dieser unsanften Berührung durch die Wähler sind allerdings nicht, dass Hollande stolpert, sondern dass sich seine Regierung auflöst. Der bisherige Premierminister Jean-Marc Ayrault kündigte bereits den Rücktritt des gesamten Kabinetts an. Jetzt soll es ein anderer richten. Wenn die Nummer eins nichts taugt, die Nummer zwei zu entlassen – das kann auch nur in der Politik gutgehen.

Liebe Leserinnen und Leser, für uns bleiben Sie die Nummer eins. Einen entspannten Abend wünscht Ihnen

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Was vom Tage bleibt: Den Türken auf den Leim gegangen"

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  • Den Türken auf den Leim gegangen
    Eher nicht. Es geht in allererster Linie darum, die USA Wünsche bedingungslos zu erfüllen. Ich warte auf den Tag, an dem Erdogan als lupenreiner Demokrat dargestellt wird. Wird nicht allzu lange dauern. Volkes Wille zählt nicht. Die Türken haben sich ganz klar für einen islamistischen Staat entschieden und damit gegen einen Beitritt in die christliche EU. Das aber wird wieder einmal nicht berücksichtigt werden, ebenso wenig wie der Wille der christlich orientierten Menschen in der EU.
    Ist ja nur Volkes Wille.

    Gabriel hört auf Kraft
    Damit hat er ihr doch die Zustimmung zur GroKo abgekauft. Was hatte die Frau nicht erstmal für eine Welle gegen eine große Koalition losgetreten. Dann aber ganz schnell klein beigegeben. Da haben die Lobbyisten der Braunkohlekraftwerke gute und ganz Arbeit geleistet. Und damit die schmutzigen Braunkohlekraftwerke auch weiterhin brummen können wie noch nie, müssen natürlich Stromtrassen quer durch Deutschland gebaut werden. Es gibt schon zuviel Ärger mit den Nachbarländern, deren Markt mit unserem billigen Strom geschwemmt wird. Dieser schmutzige Strom aus den Braunkohlekraftwerken in NRW wird auch noch mit der Ökoumlage der Verbraucher subventioniert. Zudem drückt dieser die Preise am Strommarkt, was wiederum zu höheren EEG Umlagen der Verbraucher führt.

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