Was vom Tage bleibt
Der Euro-Austritt ist vom Tisch

Merkels Besuch festigt Griechenlands Stellung in der Währungsunion. Eine neue Steuer hilft Schäuble. Und die heile Welt der Buchverleger bekommt Risse. Der Tagesbericht.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Merkel umarmt Griechenland

Antonis Samaras ist Grieche. Und denen sagen wir seit der Antike einen Hang zum Pathos nach. Er fechte „den Kampf seines Lebens“ hatte der Ministerpräsident vor ein paar Tagen im Handelsblatt gesagt. Sein größter Sieg: Der Besuch von Angela Merkel heute in Athen. Die Kanzlerin gilt den Griechen als Verantwortliche für all das, was sie seit Ausbruch der Eurokrise an Niederlagen erleiden mussten. Dass sie nun kam, ist ein Triumph für viele Griechen: Merkel zeigt ihnen nicht länger die kalte Schulter, denken sie. Und sie haben recht. Tatsächlich liegt die Bedeutung dieses Besuchs in den Bildern und nicht in den Worten, die heute um die Welt gingen. Eine Kanzlerin auf dem roten Teppich in Athen und im Arbeitszimmer des Gastgebers, während draußen Deutschlandfahnen malträtiert und die unvermeidlichen Hakenkreuz-Flaggen verbrannt wurden. Dass Merkel diesen Besuch auf sich nahm, zeigt, dass sie anders denkt als noch im Sommer. Damals war Griechenland ein Euro-Mitglied mit ablaufendem Haltbarkeitsdatum. Spätestens seit heute weiß die Welt, dass Deutschland den Austritt Griechenlands aus dem Euro von der Tagesordnung genommen hat.

Die Schatten des Zweifels

Verlage und Händler haben jahrzehntelang davon gelebt, dass die einen Autoren suchten und deren Bücher produzierten. Die anderen haben sie dann verkauft, und der Staat hat seine schützende Hand in Form der Buchpreisbindung über alle Beteiligten gehalten. Dieses Modell feiert sich ab heute selbst bei der internationalen Buchmesse in Frankfurt. Die Zweifler an diesem System werden allerdings immer mehr. Erika Leonard gehörte zu ihnen und veröffentlichte deswegen kurzerhand ihre „Fifty Shades of Grey“ zunächst im digitalen Selbstverlag im Internet. Das Werk wurde ein Welterfolg. In Frankfurt wird nun darüber gestritten, ob das ein „einmaliger“ oder ein „erstmaliger“ Erfolg eines neuen Vertriebswegs ist. Mich erinnern die Streithähne an jene Droschkenkutscher, an denen gerade Bertha Benz vorbeigefahren ist.

Wahlkampfhilfe aus dem Ausland

Ihr Schicksal als Rohrkrepierer schien schon besiegelt - jetzt wird die Finanztransaktionssteuer in Deutschland und einer Gruppe weiterer EU-Länder doch das Licht der Welt erblicken. Insgesamt elf Staaten sagten heute auf dem Finanzministertreffen zu, bei der Abgabe auf Geldgeschäfte mitzumachen. Besonders erleichtert über den Beschluss reagierte Wolfgang Schäuble. Warum? Na, weil der Finanzminister so langsam auch in den Wahlkampfmodus schalten muss und da ist die als „Gerechtigkeitssteuer“ gepriesene Abgabe ein Anliegen, dass den Sozialdemokraten den Wind aus den Segeln nimmt.

Sparen wollen sie alle

Erstmal Ja-Sagen: Mit großer Mehrheit hat die französische Nationalversammlung für eine Ratifizierung des europäischen Fiskalpakts gestimmt. Das Abkommen, auf das Brüssel die Euroländer verpflichtet hat, sieht vor, dass das konjunkturunabhängige sogenannte strukturelle Defizit der Staaten die Grenze von 0,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts nicht überschreiten darf. Wie Frankreich das einhalten will, wissen allerdings auch die Jasager von heute noch nicht. Der Internationale Währungsfonds jedenfalls glaubt nicht daran. Nach seiner Prognose sprengt Frankreichs Defizit im nächsten Jahr mit insgesamt 3,5 Prozent alle Vorgaben.

Igitt: Der Sieger eines Kakerlaken-Wettessens im US-Staat Florida ist tot zusammengebrochen, nachdem er Dutzende lebende Küchenschaben und Würmer verzehrt hatte. Der Veranstalter ist bestürzt und teilt mit, dass die Küchenschaben und Würmer aus eigener, kontrollierter Produktion stammten. Michael Adams, der inzwischen eingeschaltete Professor für Insektenkunde an der University of California in Riverside betont: „Es gibt keine Giftstoffe in Kakerlaken.“ Meine Vermutung: Wahrscheinlich war doch eine Schabe schlecht.

Guten Appetit wünscht Ihnen

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Was vom Tage bleibt: Der Euro-Austritt ist vom Tisch"

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  • Ich lese:
    "Spätestens seit heute weiß die Welt, dass Deutschland den Austritt Griechenlands aus dem Euro von der Tagesordnung genommen hat."
    Merkel ist nicht Deutschland und die Märkte sind langfristig immer stärker als die Politik. Von den Banken getragen/gesponsert wird Merkel das Desaster nur hinauszögern können. Je später es kommt, um so schlimmer wird es kommen.

  • Sehr geehrter Herr Stock, die Lage Griechenlands ist vergleichbar mit der Lage Deutschlands 1945. Mit dem Wohlwollen der Amerikaner konnten wir unser Schicksal in unsere eigenen Hände nehmen. Das weckte in uns -( ich gehöre zu dieser Generation )- Selbstbewusstsein und einen ausgeprägten Leistungswillen. Daraus ergab sich dann das Wirtschaftswunder. Ich wünsche den Griechen weniger Bevormundung durch die EU, damit sie ihre Kräfte wieder entfalten können. Der Weg zum Erfolg wird jedoch, wie ab 1945 bei uns , steinig sein. Heinrich Seibert, Ing.

  • Na, wenn er Christ ist, kann er natürlich kein Grieche sein - zumindest keiner mit Pathos, denn das antike Pathos der Griechen wurde natürlich im Jahre Null auf Null gesetzt!

    Ich habe nur noch nicht so ganz verstanden, wer hier wem gegenüber blasphemisch sein soll.

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