Was vom Tage bleibt
Der zweifelhafte Ruf nach Bescheidenheit

Der SPD-Wirtschaftsminister will Lohnforderungen mäßigen. Die Loveparade-Hauptmatadoren sind nicht schuldig im Sinne der Anklage. Kinder haften für ihre Eltern. Und die Bärenmarke spart Stromkosten. Der Tagesbericht.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Gabriels neue Töne

SPD-Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat in seinem Jahreswirtschaftsbericht Gewerkschaften und Arbeitnehmer zu einer gewissen Zurückhaltung bei Lohnforderungen aufgefordert. Aus dem Mund eines Spitzengenossen klingt das ungewöhnlich. Aus dem Mund eines Vorsitzenden, dessen Partei eben noch verhindert hat, dass die Rentenbeiträge gesenkt werden und damit den Arbeitnehmern mehr Geld im Portemonnaie bleibt, klingt es geradezu unlogisch.

Unschuldig im Sinne der Anklage

Die Duisburger Staatsanwaltschaft klagt dreieinhalb Jahre nach dem schrecklichen Unglück bei der Loveparade zehn aus ihrer Sicht Verantwortliche an. Nicht dabei: Der damalige Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland und der Geschäftsführer der Veranstalterfirma Lopavent, Rainer Schaller. „Wir haben nicht nach politischer oder moralischer Verantwortlichkeit gesucht“, sagt der Staatsanwalt auf die Frage, warum er die zentralen Figuren außen vor lässt. Als Jurist hat er recht. Als Journalisten haben wir damit unsere Aufgabe zugeschoben bekommen.

Kinder haften für Ihre Eltern

Eltern können ihre Kinder zum Teufel jagen, ohne deshalb im Alter Unterhaltsansprüche gegen sie zu verlieren. So hat es der Bundesgerichtshof entschieden. Die Richter urteilten über einen Fall, bei dem ein Vater 1972 den Kontakt zu seinem damals 18-jährigen Sohn abbrach. Der Mann bezog später eine geringe Rente und bestimmte in seinem Testament, dass sein Sohn nur „den strengsten Pflichtteil“ erhalten solle. Nachdem er dann in ein Pflegeheim kam, zahlte die Stadt Bremen rund 9000 Euro der Heimkosten. Jetzt hat die Stadt gegenüber dem Sohn Anspruch auf Erstattung, und der weiß, was Verwandtschaftsbande bedeuten.

Schulz sucht den Auftritt

Martin Schulz lässt derzeit keine Gelegenheit aus, um sich öffentlichkeitswirksam zu äußern. Vergangene Woche war es ein Essay zur digitalen Agenda in der FAZ, heute war es eine Rede zum Siedlungsbau vor dem israelischen Parlament. Dabei sagt der Spitzenkandidat der europäischen Sozialdemokraten auch Richtiges. Zum Beispiel zitierte er den 1995 ermordeten Premierminister Jitzhak Rabin, der einst gefordert hatte: „Frieden muss man mit den Feinden schließen, nicht mit Freunden.“ Dennoch verließen einige Parlamentarier empört den Saal, weil sie nicht ertrugen, dass ein Deutscher Verständnis für das Anliegen der Palästinenser äußerte. Ich meine: Die Geschichte Israels können wir Deutsche nur mit Demut betrachten. Die Zukunft des Landes und der Region aber geht uns alle etwas an. Wir können uns da nicht den Mund verbieten lassen.

Bärendienst

Die Hochwald Foods GmbH ist eine Molkerei, die künftig von der Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz befreit ist. Die Melker sind dafür zuständig, dass die Bärenmarke nicht austrocknet. Wer also morgen beim Frühstück seine Bärenmarkenmilch in den Kaffee gießt, sollte sein Tässchen doppelt genießen: Er hat nämlich für die Milch gezahlt und er gleicht per hoher Stromrechnung auch den Teil an den Energiekosten aus, den die Molkerei nicht mehr zahlen muss.

Guten Appetit wünscht Ihnen

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Was vom Tage bleibt: Der zweifelhafte Ruf nach Bescheidenheit"

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  • Sich selbst aber einen kräftigen Schluck aus der Pulle gönnen:
    http://de.statista.com/infografik/1880/diaeten-der-bundestagsabgeordneten/

    10% Diätenerhöhung!!!

  • SPD-Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat in seinem Jahreswirtschaftsbericht Gewerkschaften und Arbeitnehmer zu einer gewissen Zurückhaltung bei Lohnforderungen aufgefordert.
    Aus dem Mund eines Parlamentariers der mit dabei ist eine 10%igr Diätenerhöhung durchzusetzen klingt dies einfach nur zynisch.

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