Was vom Tage bleibt
Deutschland im Rausch

Unser Land feiert Fußball-Erfolge, Berlin und Brüssel schlichten den Stromstreit. Der HSH-Chef wird freigesprochen, Airbus soll Schmiergeld gezahlt haben und eine Spionageaffäre erschüttert Berlin. Der Tagesrückblick.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Fieber im ganzen Land

Fußball ist für uns beim Handelsblatt eigentlich kein Kernthema. Wirtschaftsjournalisten sollten eigentlich abgeklärt und gelassen bleiben, wenn sie über Unternehmen und neue Steuern berichten. Aber in dieser Situation dürfen wir auch emotionaler werden: Ja, wir freuen uns riesig über den Erfolg der deutschen Fußballer bei der WM. Nach dem Kantersieg gegen Brasilien muss der Titel jetzt definitiv nach Deutschland geholt werden. Gegen wen geht es am Sonntag? Die Niederländer sind eindeutig die bessere Mannschaft. Aber im Fußball und manchmal auch in der Wirtschaft weiß man bekanntlich nie…

Treffen in der Mitte

Wirtschaftsminister Gabriel und EU-Wettbewerbskommissar Almunia haben es doch noch geschafft und eine gemeinsame Lösung zur künftigen Förderung des Wind- und Solarstroms in Deutschland gefunden. Danach können ausländische Anbieter in gewissen Grenzen ihren Strom auch nach Deutschland liefern. Beide Seiten, Berlin und Brüssel, haben ein wenig gegeben und sich in der Mitte getroffen. Aber auch nach diesem Kompromiss bleibt in Deutschland noch eine ganze Menge zu tun: Nämlich die Förderung des Öko-Stroms auf ein vernünftiges Maß zurückzustutzen.

Ein Freispruch

Fast jeder hatte mit einer Verurteilung gerechnet, doch am Ende hat sich das Gericht für einen Freispruch entschieden. Der frühere HSH-Nordbank-Vorstand um Ex-Chef Dirk Nonnenmacher trägt keine Schuld für die Malaise der Bank, die Bankmanager bleiben deshalb auf freiem Fuß. Vielen wird dieses Urteil nicht gefallen, weil sich hierzulande gewaltiger Unmut gegen die Finanzbranche aufgebaut hat. Volkes Stimme will endlich Resultate sehen – nämlich Manager im Knast. Wie gut, dass sich die Richter davon nicht anstecken ließen. Denn wenn sich keine Schuld nachweisen lässt, dann heißt es immer noch: im Zweifel für den Angeklagten.

Über den Wolken

Auf dem Airbus-Konzern lastet ein schwerer Makel. Immer wieder kocht der Verdacht hoch, dass das deutsche-französische Rüstungs- und Flugzeugunternehmen in dunkle Geschäfte verwickelt sein könnte. In Österreich steht der Verdacht im Raum, dass der Konzern beim Verkauf des Eurofighter mit Geldgeschenken nachgeholfen hat. In Großbritannien sind jetzt Airbus-Mitarbeiter verhört worden, weil sie bei Rüstungsgeschäften für Saudi-Arabien ordentlich geschmiert haben sollen. Airbus hat bislang nie richtig für Aufklärung bei den umstrittenen Geschäften gesorgt. Ein wenig mehr an Offenheit täte dem Ruf des Konzerns sehr gut.

Unter Freunden

Berlin kocht, zumindest im übertragenen Sinne. Der zweite Spion, der für die USA geheime Informationen gesammelt hat, soll im Verteidigungsministerium enttarnt worden sein. Deutschland und die USA sind doch eigentlich Verbündete, zwischen denen Sitte und Anstand gelten. Auf der anderen Seite des Atlantiks scheint diese Regel keinen Bestand mehr zu haben, Stück für Stück wird das prinzipiell gute Verhältnis zerstört. Noch ein dritter, vierter, fünfter Fall – dann haben wir zwischen Berlin und Washington eine neue Achse des Misstrauens.

Legen Sie einen ruhigen Abend ein, bis zum großen Finale am Sonntag muss sich ganz (Fußball-)Deutschland wieder ordentlich erholen. Es grüßt Sie herzlich

Stefan Menzel

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie

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