Was vom Tage bleibt
Die große Verunsicherung

Die Retter von Zypern haben sich selbst ausgetrickst. Ein erfolgloser Präsident beansprucht Airbus' Erfolge. Die Anti-Euro-Partei sieht sich als Kanzlermacher. Und der Champagner bleibt im Regal. Der Tageskommentar.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Gescheiterte Retter

Erinnern wir uns: „Griechenland-Anleihen sind sicher“, lautete ein Versprechen der Euro-Rettungspolitiker. Ein anderes ging so: „Es wird keinen dauerhaften Eurorettungsschirm geben.“ Beide Zusagen hatten eine Halbwertszeit von ein paar Wochen, dann wurden sie kassiert. Jetzt ist das nächste Versprechen Makulatur: „Ersparnisse bis 100.000 Euro sind sicher.“ So steht es in einer EU-Richtlinie. Sie wurde ohne viel Federlesens im Fall Zypern bis auf weiteres kassiert. Wenn aber Zusagen das Papier nicht wert sind, auf dem sie geschrieben stehen – was sollen wir dann noch glauben? Klar: Die Krise des Eurosystems ist so einzigartig, dass es möglich sein muss, Grundsätze über Bord zu werfen. Dazu gehört auch, dass sich Gläubiger von Banken – und nichts anderes sind letztlich die Sparer – an der Rettung eben dieser Banken beteiligen müssen. Aber bitte schön: Das ganze braucht Maß. Und zum Maßhalten gehört, dass kleine Vermögen bei dieser Form der Bankenrettung verschont bleiben, weil sonst jedes Vertrauen der Bürger in das System vernichtet wird. Genau das aber haben die Rettungspolitiker im Fall Zypern erst einmal missachtet. Ihr Plan ist deswegen zum Scheitern verurteilt.

Airbus hilft Hollande

Derzeit gibt es für Frankreichs Präsident Hollande nichts zu lachen. Der Lokomotive Europas sind die Kohlen ausgegangen. Umso schöner, wenn sich doch noch ein paar Krümel finden: Zum Beispiel der größte Auftrag in der Geschichte von Airbus. Heute morgen verkündete Hollande persönlich, dass die indonesische Fluggesellschaft Lion Air 234 Mittelstrecken-Jets vom Typ A320 bestellt hat. Kostenpunkt: 18,4 Milliarden Euro. Lion Air galt bisher als treuer Boeing-Kunde. Wir lernen zweierlei: Während die mit Pomp entwickelten Großflieger sowohl Boeing als auch Airbus Probleme bereiten, haben sich die überarbeiteten Mittelstreckenjets zu den Goldeseln der Flugzeugbauer entwickelt. Und zweitens: Wenn es politisch eng wird, lässt sich ein europäisches Gemeinschaftsunternehmen wie Airbus für bedrängte Politiker auch schon mal als nationale Erfolgsgeschichte verkaufen.

Die Anti-Eurofighter heben ab

Wissen Sie noch, wie der abgewählte Ministerpräsident von Niedersachen hieß? Richtig: David McAllister. Er wäre noch Ministerpräsident, wenn nicht eine Anti-Euro-Partei seiner CDU ein paar Stimmen abgejagt, aber am Ende nicht ins Parlament gekommen wäre. Nun droht Angela Merkel durch die „Alternative für Deutschland“ ein ähnliches Schicksal. Schafft sie die Fünfprozenthürde, so schreibt heute unser Kolumnist Hans-Olaf Henkel, selbst ein Sympathisant der Euro-Gegner, dann „hätten Protagonisten einer alternativen Europolitik im Bundestag eine Stimme; schafft sie es nicht, könnten sie zum Steigbügelhalter von Gabriel und Trittin werden.“ Mein Tipp: Mit einem Thema (Kein Euro mehr!), lässt sich genauso wenig Staat machen, wie mit keinem Thema (Piraten).

Zum Wohl!

Die Deutschen haben im vergangenen Jahr laut Zählung des Bureau du Champagne 12,56 Millionen Champagnerflaschen gekauft. Das entspricht einem Minus von 11,6 Prozent zum Vorjahr. Dennoch bleibt Deutschland nach Großbritannien und den USA der weltweit drittgrößte Markt für Champagner. Am besten kam Champagner 1997 in Deutschland an: Damals wurden 19,5 Millionen Flaschen verkauft – vermutlich als Trosttropfen, denn in jenem Sommer starb Lady Di, die in diesem Sommer voraussichtlich Oma geworden wäre. Vielleicht ist das ja ein Grund, dass es mal ein gutes Champagnerjahr wird.

Bleiben Sie nüchtern heute Abend. Auf Zypern müssen Sie jedenfalls nicht anstoßen.

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

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  • Lieber Autor Herr Stock, Sie haben doch sicher das umfassende Wahlprogramm der Alternative für Deutschland gelesen. Wider besserem Wissen schreiben Sie dann "Mit einem Thema (Kein Euro mehr!), lässt sich genauso wenig Staat machen, wie mit keinem Thema." Ich würde mir schon erwarten, daß Sie nicht so plump agieren. Die AfD schlägt alternative Währungsverbünde vor (z.B. Deutschland, Österreich, Niederlande und andere), die den Konstruktionsfehler des Euro zurückdrehen und den anderen Ländern Anpassungszeit und Abwertungsmöglichkeiten zur Rückgewinnung ihrer Wettbewerbsfähigkeit geben.
    Ich bin sonst ein anderes Niveau Ihrer Sichtweise gewohnt ...

  • Propaganda war immer so.

  • Ich verstehe Ihre Argumentation nicht!

    Sie schreiben, dass Europäer und Russen Geld nach Zypern gebracht haben. Das habe ich verstanden.

    Aber wo kommt dann das Risiko (von Verlusten her betrachtet), an deren Übernahme sie sich beteiligen sollen nach Ihrer Meinung nach her?

    Der Grund, den Sie zwischen den Zeilen schreiben, über den Sie keine Informationen besitzen, hat doch nichts mit einer "moralischen Verpflichtung" zur Übernahme von Verlusten zu tun.

    Und dies hat erst recht nichts mit der Einbindung der kleinen Sparer in dieses Karussell zu tun. Das ist einfach kalte Enteignung. Und in diesem Szenario sind wir Sparer in Deutschland genauso wie die Sparer in Zypern nur einen Wimpernschlag entfernt. Dessen müssen wir uns bewusst sein.

    Wenn dem so ist, wie konnten dann die EU-Finanzminister darüber entscheiden, die Einlagen für die Übernahme von Verlusten heranzuziehen?

    Für mich ist das ganze Krisenmanagement der EU-Finanzminister kindisch. Da stimme ich Herrn Putin zu.

    Solche Themen sollten in die Hände von Profis. Und unsere Deutsche Bundesbank ist in ihrer ehemaligen Aufgabe war ein solcher Profi. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis Frau Merkel Herrn Weidmann, als einer der wenigen Fachkräfte in dieser Szene, auch abschießt.

    Diese Frau ist taktisch sehr gut, aber der Untergang Europas. Sie schafft einfach nicht den gedanklichen Übergang vom DDR-Sozialismus in die soziale Marktwirtschaft. Ludwig Poullain hatte diese Erkenntnis schon vor Jahren in einem Handelsblatt-Interview geäußert.

    Hier muss eine breite Mehrheit gebildet werden, die den Politikern die Grenzen ihrer Macht und Rechtsstaatlichkeit aufzeigt. Diese letzte Aktion ist die Rechtfertig dafür, dass keiner der Beteiligten mit beiden Füßen in der Rechtsstaatlichkeit verankert ist. Sie treten sie mit Füßen. Dafür gehören sie zur Verantwortung gezogen und unter Aberkennung ihrer Pensionen bestraft.

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