Was vom Tage bleibt
Die Helden sind unter uns

Die Geschichte von Windreich ist die eines Visionärs, der in Buchhaltung schwach ist. Gerhard Schröder redet uns und sich ins Gewissen. Sahra Wagenknecht trauert um Chávez. Und Sarkozy wartet, dass ihn einer anruft.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Tragischer Held

In Wolfschlugen bei Stuttgart lebt ein tragischer Held: Willi Balz. Der Firmengründer von Deutschlands größtem Windparkentwickler Windreich ist ein begnadeter Ingenieur. Ich habe ihn selbst erlebt und er hat mich überzeugt: Für ihn gibt es kein Problem, das unlösbar ist. Zumindest kein technisches. Finanziell sieht das anders aus. Windreich ist in eine so tiefe Krise gerutscht, dass sich die Staatsanwaltschaft mittlerweile für den Mittelständler interessiert und das Hauptquartier des Oldtimerfans, das eigentlich ein Rennsportmuseum mit angeschlossener Firmenzentrale ist, durchsucht. Die Anleihen notieren auf Tiefständen, Investoren bangen. Die Krise, in der die Erneuerbaren stecken – Windreich ist der nächste Wackelkandidat. Auch Sabine Christiansen im Aufsichtsrat kann nicht helfen und in der Not sorgt sie eher für ungewollte denn für gewollte Aufmerksamkeit. Die Geschichte hat alles, was eine gute Geschichte braucht. Nur ein Happy End ist nicht in Sicht. Aber das ist bei guten Filmen selbst kurz vor Schluss noch ganz häufig der Fall. Also, nicht aufgeben, Herr Balz!

Der Preis der Macht

Gerhard Schröder hat eine Rede gehalten. Das macht er dauernd, aber diesmal hat es sich gelohnt, dass wir zugehört haben: „Mit der Reformpolitik“, hat Schröder gesagt, „habe ich einige persönliche Erfahrungen machen können.“ Nämlich erstens: „Die abstrakte Bereitschaft der Menschen zu Reformen ist immer hoch. Sind die Menschen jedoch persönlich von den Auswirkungen betroffen, dann schlägt die Reformwilligkeit schnell in Reformverweigerung um.“ Und zweitens: „Es gibt eine zeitliche Lücke zwischen den teilweise schmerzlichen Reformbeschlüssen und den erst später eintretenden Erfolgen. Bei der Agenda 2010 hat es etwa fünf Jahre gedauert. In diese zeitliche Kluft zwischen Beschluss und Wirkung kann demokratisch legitimierte Politik fallen – und daher scheitern. Aber das macht politische Verantwortung aus: Man muss die Kraft haben, Notwendiges durchsetzten zu wollen und zu können. Auch um den Preis, die Macht zu verlieren.“ Basta.

Die Revolution ist zu verteidigen

Diese Sätze erreichten uns heute: „Mit Hugo Chávez ist ein großer Präsident gestorben, der mit seinem ganzen Leben für den Kampf um Gerechtigkeit und Würde stand und der die lateinamerikanische Integration wegweisend vorangetrieben hat. (...) Die bolivarische Revolution ist zu verteidigen.“ Es gibt sicher auch eine andere Sicht auf den Gestorbenen, der sich nur zu gern in die Phalanx der Diktatoren von Syrien bis in den Iran einreihte. Aber Sahra Wagenknecht, von der die Sätze oben stammen, sieht es eben so. Sie bleibt im Herzen eine Kommunistin. Wir freuen uns auf noch viele streitbare Themen mit ihr.

Hilferuf vom Heldenfriedhof

Lange Zeit hat er stillgehalten, jetzt kann er einfach nicht mehr. Nicolas Sarkozy, Ex-Staatspräsident ohne feste Beschäftigung und ohne politische Aufgabe, will allen zeigen, dass sie ihn bloß nicht abschreiben sollten. „Es könnte sein, dass ich wieder ran muss. Nicht etwa, weil ich Lust hätte, sondern weil es um Frankreich geht.“ Der Zeitschrift 'Valeurs Actuelles' hat er diesen als Pflichtbewusstsein verkauften Wunsch offenbart, nachdem er sich seit seiner Wahlniederlage vor fast einem Jahr über seine Zukunftspläne ausgeschwiegen hatte. „Sterbenslangweilig“ finde er die Politik, lässt der Konservative in einem Gespräch fallen, das an Donnerstag erscheint. Nur eines könne ihn dazu bringen, sich noch einmal zu opfern: der Ruf des Vaterlandes. „Leider wird es einen Moment geben, wo die Frage nicht mehr ist, ob ich Lust habe, sondern ob ich überhaupt noch eine andere Wahl habe. In dem Fall werde ich mir nicht mehr sagen können: Ich bin glücklich, ich bringe meine Tochter zur Schule und halte überall in der Welt Reden. In diesem Fall werde ich tatsächlich verpflichtet sein, mich zu stellen. Nur, weil es um Frankreich geht.“ Was für ein Held!

Einen heldenhaften Abend wünscht Ihnen

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

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