Was vom Tage bleibt
Ein Bild erschüttert unser Weltbild

Das Bild des ertrunkenen Jungen, der ein Flüchtling war, erschüttert die Welt und setzt sogar hartgesottene Politiker in Bewegung. Das Herz schreit, und der Verstand fragt, was tun? Die Nachrichten des Tages lesen Sie hier.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser!

Erschütterung

Erstens: Ein Asylbewerber erhält in Deutschland 143 Euro im Monat, wenn er in einem Heim wohnt. Belgien zahlt 222 Euro, Bulgarien 34 Euro. Zweitens: Budapest riegelt seinen Bahnhof für Züge ab, die nach Westen fahren. Drittens: Das Bild eines kleinen geflüchteten Jungen, der ertrunken am Strand liegt, erschüttert weltweit die Zuschauer. Wer diese drei nüchternen Beschreibungen der Wirklichkeit des heutigen Tages wie ein Puzzle zusammensetzt, erhält eine Landkarte der Ratlosigkeit. Jedes Puzzleteil erzählt eine Geschichte. Aber zusammengenommen bricht ein Weltbild auseinander.

Ach Gott VW

Der Herr der Finanzen bei VW heißt Hans Dieter Pötsch. Bislang. Künftig soll er an die Spitze des Aufsichtsrats rücken und seinem bisherigen Chef Martin Winterkorn auf die Finger gucken. Der etwas pietätlose Vergleich sähe so aus, dass der liebe Gott den Papst zu seinem Aufsichtsrat kürt. Man muss kein Religionslehrer sein, um zu erkennen, wer dann das sagen hat.

Wer hört auf die Mahner?

Während sich EZB-Chef Mario Draghi heute auf die geldpolitische Pressekonferenz der Notenbank in Frankfurt vorbereitete, ging der ehemalige Chef der deutschen Bundesbank Axel Weber bei einer Handelsblatt-Tagung nebenan nicht zimperlich mit der Geldpolitik um: „Ich glaube, die EZB wird sich irgendwann dazu durchringen müssen, die Unterstützung für die nicht nachhaltige Wirtschaftspolitik einzustellen. Sie muss notwendige Reformen anmahnen. Das haben wir früher getan, statt per Geldpolitik nur Zeit zu kaufen.“ Das Problem liegt im Anmahnen. Es ist harmlos, so lange man nicht anordnen kann.

Reformlahm

Das Fifa-Reform-Komitee hat getagt. Vorschläge, was die Fifa besser machen könnte gibt es zuhauf: einen Aufsichtsrat bilden, die Amtszeiten beschränken. Das Blöde ist, dass die Fifa selbst entscheiden kann, ob sie sich verändert. Das ist eine Garantie, dass alles so bleibt, wie es ist.

Heile Ebay-Welt

Das erste Stück Trödel, das über Ebay verkauft wurde, war ein kaputter Laserpointer für 14,5 Dollar. Das ist 25 Jahre her. Auf die Frage, warum er einen kaputten Laserpointer kaufe, antwortete der Käufer damals: „Ich sammle kaputte Laserpointer.“ Inzwischen ist der aus dem kruden Flohmarkt ein weltweites Ecomerce-Unternehmen geworden. Ebay steht für eine heile, digitale Erfolgsstory, nur der Laserpointer ist immer noch kaputt.

Einen heilen Abend wünscht Ihnen

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Was vom Tage bleibt: Ein Bild erschüttert unser Weltbild"

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  • Liebes Handelsblatt!

    ich gehöre zu den Zeitgenossen, die (noch) merken, wenn man versucht sie über Bilder zu manipulieren und ihre Menschlichkeit zur Erreichung politischer Ziele zu missbrauchen. Das traurige Bild bewirkt, daß der Verstand von starken Emotionen überlagert wird und eine sachliche, nüchterne Betrachtung der Zusammenhänge stark erschwert wird.

    Dieses Bild ist eine mediale Massenvernichtungswaffe, ein moralischer "Bunker-Buster", der sich gegen all jene richtet, die es immer noch wagen, der zur Staatsräson mutierten "Willkommenskultur" ablehnend gegenüberzustehen.

    Die unterschwellige Nachricht bedeutet: "Schaut euch das arme Kind an. Wer jetzt immer noch was gegen Massenmigration von Millionen in unser Land hat, der kann kein Mensch sein und sollte sich schämen!"

    Ich frage sie: Wo fanden sich letzten Winter die anklagenden Bilder erfrorener Obdachloser im Handelsblatt? Wo fanden sich Bilder verbrannter oder in Stücke gerissener Kinder, die durch Deutsche Waffen bei Kriegshandlungen umkamen? In welcher Handelsblatt Ausgabe fand sich die Verbrannten-Bildergalerie zu den zivilen Opfern des durch den Obersten Klein angeordneten Luftschlags in Kundus, Afghanistan? Wann konnten wir als Leser Folterbilder des Murat Kurnaz in Guantanamo bestaunen?

    Merken Sie was? Ich schon!

  • Ein Bild erschüttert unser Weltbild@
    Tote Dank der deutschen Regierung, das hat Ihnen doch Herr Orban gesagt.
    Tote Kinder darstellen, um die Meinung der deutschen Regierung darzustellen, das ist nicht akzeptabel. Ich bin schon etwas älter und verabscheue das alles zu tiefst.

  • Ich habe vorhin die heute-Nachrichten und auch dieses Bild gesehen.

    Mich kotzt es an, wenn die gleichen Politiker vor die Kameras treten, die vor wenigen Tagen 26 Mrd. € für die Bankenrettung in Griechenland "alternativlos" locker machten und nicht einmal 10 % eines solchen Betrages zur Bewältigung des Flüchtlingsproblems im letzten Jahr locker machten.

    Mich kotzt auch an, dass diese Politiker gleichzeitig vorgeben, der CDU anzugehören. Von christlich kann ich da nichts erkennen. Sorry, aber das ist nichts anderes als IS-Terror mitten unter uns. Es sind tatsächlich Wölfe im Schafspelz. Mir bleibt nur Verachtung für sie übrig.

    Während andere um ihr nacktes Leben auf der Flucht kämpften, wie dieser kleine Junge, haben sie für sich eine Diätenerhöhung von 10 % im letzten Jahr auf den Weg gebracht. Das war nicht nur zynisch, das war unmenschlich. Das ist Habgier.

    Pegida ist im Vergleich dazu ein sozialer Haufen!

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