Was vom Tage bleibt
Ein Mann, ein Wort

Marcel Reich-Ranicki hat uns die alte Kunst des Zuhörens wieder nahe gebracht. Siemens marschiert vorwärts in die Vergangenheit, jedenfalls bei seiner Personalauswahl. Die Fed steht vor der Miniwende. Der Tagesbericht.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Großmeister des Wortes

Am Anfang war das Wort. Nach dem Ende bleiben Taten. Und Erinnerungen. Marcel Reich-Ranicki hat mit klugen, schnellen, manchmal verletzenden, weil stets treffenden Worten eine Großtat vollbracht: Er hat uns wieder zu Zuhörern gemacht. Wir hatten diese alte Kunst schon fast vergessen, als er, der Großmeister des Wortes, auftrat und vormachte, wie sich über Literatur und das Dasein so spannend reden lässt, dass wir den Atem anhalten. Er hat uns mit seinem Leben und Überleben beeindruckt - eigentlich eine europäische Biographie aus dem 20.Jahrhundert, in der es um Krieg, Liebe, Schmerz, Widerstand und enormer Aufbauenergie geht. Er hat diese Energie in unser Jahrhundert hinübergerettet und gezeigt, wie unabhängig, frei und mächtig ein solcher Erfahrungsschatz machen kann. Als er 2008 den Fernsehpreis ablehnte, haben wir ihm alle applaudiert. Heute ist Marcel Reich-Ranicki im Alter von 93 Jahren gestorben. Falls der Himmel kurzfristig geschlossen sein sollte, bin ich überzeugt, der Mann findet die richtigen Worte, damit sich ihm die Pforten öffnen.

Vorwärts in die Vergangenheit

Bei der Neubesetzung von drei Chefposten hat Siemens drei Männer ausgewählt, zwei davon aus Deutschland. Die Aufgaben der scheidenden Personalchefin Brigitte Ederer übernimmt Technologievorstand Klaus Helmrich. Das Finanzressort leitet künftig Ralf Thomas. Und das Aufsichtsratsmandat des früheren Deutsch-Bankers Josef Ackermann übernimmt SAP-Manager Jim Hagemann Snabe, derzeit noch Co-Chef des Software-Herstellers. An der Konzernspitze wurde der von außen geholte Österreicher Löscher durch das bayerische Urgestein Joe Kaeser ersetzt. Kux und Ederer – beide weiblich, beide aus dem Ausland – verlassen den Vorstand. Nun ist Vielfalt nicht das Gegenteil von Einfalt und es ist auch kein Wert an sich. Aber was aus Vielfalt entsteht, ist oft wertvoller als das, was stromlinienförmige Gremien so produzieren. So gesehen schreitet der Technologiekonzern voran in die Vergangenheit.

Machnig macht nix

Wenn ein Hartz-IV-Empfänger vergisst, seine zusätzlichen Einkünfte zu melden, gibt es ein Donnerwetter, Strafen und nachträgliche Abzüge. Thüringens sozialdemokratischer Wirtschaftsminister Matthias Machnig hat 150.000 Euro „Nebeneinkunft“ aus einer früheren Tätigkeit als Staatssekretär im Bundesumweltministerium erzielt und vergessen, diese Bezüge an die Thüringer Landesfinanzdirektion zu melden. Machnig glaubt, für derlei Informationsaustausch seien die Behörden zuständig und nicht er. Deswegen machte er nichts. Der Minister ist keine Spitzenfigur im Bundeswahlkampf. Er ist nicht Trittin. Aber Machnigs Makel, Trittins Fehler und Steinbrücks Mittelfinger machen diesen Wahlkampf, der anfangs langweilig war, dann Fahrt aufnahm und jetzt so endet, zu einem gemischten Operettenabend: Da gratuliert man sich bis nach der Pause geblieben zu sein und hat am Ende doch keine Lust, die Vorsänger zu beklatschen.

Experiment gelungen - Patient lebt noch

Es ist ein beispielloses Experiment in der Wirtschaftsgeschichte. Jeden Monat kauft die amerikanische Notenbank Fed für 85 Milliarden Dollar US-Staatsanleihen auf. In einem Jahr ergibt sich daraus eine Summe von einer Billion US-Dollar – etwa so viel wie die gesamte Wirtschaftsleistung Spaniens. Das Geld wird gedruckt. Die Fed will damit der lahmenden US-Wirtschaft Schwung geben. Möglicherweise ändert sich daran gleich etwas. Das Ankaufprogramm jedenfalls könnte verkleinert werden, was die Welt dann als Einstieg in den Ausstieg wahrnehmen wird. Und obwohl das Experiment unterm Strich eher gelungen als misslungen ist - es wird ein Seufzer der Erleichterung um die Welt gehen. Hören Sie's?

Einen Abend zum Zuhören wünscht Ihnen

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Was vom Tage bleibt: Ein Mann, ein Wort"

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  • "Marcel Reich-Ranicki hat mit klugen, schnellen, manchmal verletzenden, weil stets treffenden Worten eine Großtat vollbracht: Er hat uns wieder zu Zuhörern gemacht."
    ____________________________

    Der Papst ist tot, es lebe der Papst.

    "...wieder zu Zuhörern gemacht...", einer historisch veranlaßten Not gehorchend?

    Doch wer redet von einem Zuchtmeister, einem Damoklesschwert über dem Schreibtisch beim Schreiben?

    Immerhin wird die Rede sein von einem Rittmeister der deutschen Literatur, dessen Kasernenhofattitüden ebenso unvergessen bleiben werden fast ebenso wie die erstaunliche Einsicht, dass Literatur auch als Musik unterschiedlicher Sprachgesten, eine Sprache sprechen kann, die selbst der Papst mitunter zu verstehen sich zu sträuben schien...

  • "..... Machnig glaubt, für derlei Informationsaustausch seien die Behörden zuständig und nicht er. Deswegen machte er nichts. ......"

    Wir sollten bei der Wahrheit bleiben:
    Er gibt vor das zu glauben !

  • @Siemens

    Die viel geforderte Difersifizität ist übrigens AUCH kein Wert an sich - sondern letztlich nur Mode und Meinung über ein vermeintlich besseres Ideals.

    Umgekehrt wird ein Schuh draus: Bei Siemens haben wir ja gerade den Beweis erlebt, dass derlei illustre Schar ein VERSAGEN allerhöchster Güte produziert. Ein weiter 'Vorwärts' wie bisher hätte den Fall in Richtung Bedeutungslosigkeit beschleunigt.

    Die Fremdbesetzung hat nur dazu geführt, dass völlig emotionslos und technokratisch die Seele des Unternehmens vergewaltigt worden ist - so wie jede Firma ihre Kultur, ihre Wesensart in ihrer speziellen Form darstellt.

    Warum soll bspw. ein Spanier oder Chinese oder Amerikaner BESSER ein solches Wesen verstehen und beherrschen, als ein demselben Kulturraum entstammender Abkömmling, den viele die Firma prägende kulturelle Einflussnahme ebenfalls geprägt haben?

    Das Palaver von 'internationaler Besetzung' ist primär eine Knechtungsbotschaft für Deutschland - um Macht und Einfluss abzugeben.

    Komischerweise haben sich die Amis bei der seinerzeit angedachten Fusion mit BAE als Bedingung rausgenommen, den Vorstand mit US-Muttersprachlern zu besetzen - hoi, warum denn nur ?

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