Was vom Tage bleibt
Einsam unter Bildern

Er hat Bilder gesammelt, um sie zu verbergen: Cornelius Gurlitt ist gestorben. Thomas Middelhoff kann beides: Schweigen und reden. Und Australier müssen mehr können als Deutsche – Arbeiten bis 70. Der Tagesbericht.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Gurlitts Erbe

Der 81-jährige Sammler Cornelius Gurlitt ist heute gestorben, einsam in seiner Wohnung in München, aber immerhin umgeben von dem, was ihm lieb und teuer war: seinen Bildern. In seinem letzten Lebensmonat hat Gurlitt vielleicht zum ersten Mal etwas getan, mit dem er die Mauer durchbrach. Die Mauer, die zwischen seinen Bildern und ihm auf der einen und einer empört erstaunten Öffentlichkeit auf der anderen Seite existierte. Zwischen einem introvertierten Sammler und Horter wertvoller und schöner Bilder und jenen Menschen, die sich danach sehnen, diese Bilder endlich einmal betrachten zu dürfen. Gurlitt, der Sohn eines Kunsthändlers, der unter den Nazis gute Geschäfte gemacht hatte, sicherte zu, unter Nazi-Raubkunstverdacht stehende Werke zurückzugeben. Das war eine gute Geste. Sie bewahrt uns allerdings nicht davor, dass der Kampf, wem das Erbe gehört, ab heute an Heftigkeit zunehmen wird.

Bayer wird kreativ

Nicht weit entfernt vom Bayer-Kreuz wurde Heidi Klum geboren. Insofern passt es ganz gut, dass das Leverkusener Pharmaunternehmen jetzt eine Marke zukauft, für die das Model aus Bergisch-Gladbach wirbt: Bayer will die Sparte für rezeptfreie Medikamente des US-Pharmariesen Merck & Co für 10,4 Milliarden Euro übernehmen. Pfizer, Astra-Zeneca, Bayer - im großen Pharmageschäft heißt das Rezept: Die einen haben kein Geld mehr, aber noch lukrative Produkte. Die anderen haben noch Geld, aber keine Produkte mehr. Nun kaufen die einfallslosen Reichen die kreativen Armen. Wenn es dumm läuft, werden so Geld und Kreativität verschleudert.

Kaeser räumt auf

Jeder Neuanfang beginnt mit Aufräumen. Bei Siemens hat das heute Energievorstand Michael Süß erlebt. Er hat nicht so performt, wie sein Chef Josef Kaeser, den alle nur den Joe nennen, es erwartet hatte und verlässt nun das Unternehmen. Seine Aufgabe wird Shell-Managerin Lisa Davis übernehmen, berichtet unserer Münchner Handelsblatt-Kollege Axel Höpner. Er ist gewöhnlich gut informiert, der Aufsichtsrat tritt jedenfalls erst heute Abend zusammen, um sich der Themen anzunehmen. Morgen sollen die Personalien dann zu einer Vorwärts-Strategie geronnen sein, für Süß wird es ein bitterer Tag.

Middelhoff redet doch

Für den früheren Arcandor-Chef Thomas Middelhoff ist es die Woche der Gerichtstermine. Am Montag sollte er in Köln zu möglichen Verflechtungen mit Sal. Oppenheim aussagen und sagte lieber nichts. Heute musste er sich vor dem Landgericht Essen wegen Untreue und Steuerhinterziehung verantworten und redete wie ein Wasserfall. Die Anklage listete 49 Fälle auf, in denen Middelhoff private Charterflüge sowie eine Festschrift auf Kosten der Firma abrechnete. Middelhoff sieht die Sachlage naturgemäß anders und begründete wortreich, warum seine kostspieligen Auftritte zum Wohle der Firma gewesen waren. Nicht ganz in die Middelhoff'sche Perspektive passt, dass Arcandor kurz nach seinem Abgang pleite ging. Middelhoff fühlt sich missverstanden. Tatsächlich steckt er so tief in der Materie, dass ihn keiner mehr verstehen kann.

Australier arbeiten, bis sie umfallen

Eine von der konservativen australischen Regierung in Auftrag gegebene „Überprüfung der Bücher der Nation“ kommt zum Schluss, dass Australier künftig bis zur Erreichung des 70. Altersjahres arbeiten sollen. Nur so kann eine drohende Haushaltskrise abgewendet werden, ein „Notzustand“ in der Staatskasse. Schatzkanzler Joe Hockey findet die Idee brillant: „Das Zeitalter des Anspruchsdenkens sei vorbei“. Wer nach 1965 geboren sei, solle bis 70 arbeiten, sagt Hockey. Kleiner Schönheitsfehler ist, das Hockey selbst Jahrgang 1965 ist. Aber auch das ist letztlich ein Indiz, dass Hockey ziemlich genau rechnen kann. Auf jeden Fall genauer als seine deutsche Ministerkollegin Andrea Nahles.

Einen anspruchslosen Abend wünscht Ihnen

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Was vom Tage bleibt: Einsam unter Bildern"

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  • geltungssüchtige Menschen, wie die von ihnen erwähnte Staatsanwaltschaft, wären schnell wieder an ihrem Schreibtisch, würde nicht die sensationslüsterne Presse so gut funktionieren und der Masse immer wieder "Beute" zum Fraß vorwerfen.

  • Nun bleiben Sie mal auf dem Teppich, Herr Gurlitt war schon vorher krank und mit 81 Jahren ist ein Ableben ja auch biologisch nicht weiter verwunderlich.

  • Traurig, dass die Treibjagd einer öffentlichkeitsgeilen Staatsanwaltschaft schliesslich ein Menschenleben kostet.

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