Was vom Tage bleibt
Endlich herrscht im Wohnzimmer Mitbestimmung

Netflix geht live. Ist das ein Gewinn? „Jung, dumm, naiv“, so bezeichnet eine Schwester ihren Bruder, der ein IS-Söldner ist. Und: Wie die Allianz ihre Mitarbeiter enttäuscht – das alles steht im Tagesbericht
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Verflixtes Netflix

Stellen Sie sich vor, Sie gehen in eine Bibliothek und die Mitarbeiter dort drücken Ihnen freundlich, aber bestimmt eine Auswahl Bücher in die Hand, mit der Sie dann nach Hause gehen. Selbst entscheiden können Sie nichts. Genauso ist das bislang mit Ihrem Fernsehprogramm. Egal ob ZDF oder RTL: Der Programmdirektor schreibt Ihnen vor, was Sie wann zu gucken haben. Damit ist von morgen an Schluss. Netflix geht in Deutschland an den Start. Der amerikanische Internet-Videodienst läutet tatsächlich den Abschied des linearen TV-Zeitalters ein, das für ARD und ZDF und ihre Konkurrenten RTL und Pro Sieben Sat1 seit der Einführung des Privatfernsehens vor drei Jahrzehnten so bequem wie finanziell ergiebig war. Schön, dass endlich die Mitbestimmung ins Wohnzimmer einzieht.

Deutsche IS-Söldner

„Du bist jung, dumm und naiv“, hat seine Schwester einmal zu Kreshnik B. gesagt. Und wahrscheinlich lag sie richtig. Der 20-Jährige steht seit heute vor dem Oberlandesgericht in Frankfurt, weil er in den „Heiligen Krieg“ gezogen war. Die Bundesanwaltschaft wirft dem in Bad Homburg geborenen Deutschen mit Wurzeln im Kosovo vor, Mitglied einer ausländischen terroristischen Vereinigung gewesen zu sein. Er wurde im Dezember 2013 am Frankfurter Flughafen festgenommen. Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass Kreshnik B. mit Gleichgesinnten über Istanbul in die syrische Provinz Aleppo gereist war. Dort soll er sich eine Waffe besorgt und eine Terrorausbildung beim IS durchlaufen haben. Mehr als 400 Gleichgesinnte zählen Verfassungsschützer in Deutschland. Eine der größten Söldner-Abteilungen der IS spricht offenbar als Muttersprache Deutsch.

Arbeiten am Rums

Der Getriebehersteller ZF Friedrichshafen übernimmt den US-Konkurrenten TRW, zahlt 13,5 Milliarden Dollar und steigt damit zum führenden Unternehmen der Branche auf. Stefan Sommer, der noch nicht lange amtierende ZF-Chef vollzieht damit einen spektakulären Schritt. Als ich Sommer in diesem Frühjahr einmal traf, sinnierte er über deutsche und amerikanische Autofahrer und die Getriebe, die sie so brauchen. Der Deutsche bremse ab, wenn er vom Rückwärts- in den Vorwärtsgang wechsele. Der Amerikaner lege – rums! – den Hebel um, beschrieb Sommer den Unterschied. Dass dieser Rums nicht das Getriebe sprengt – daran werden Deutsche und Amerikaner jetzt gemeinsam arbeiten.

Mit der AfD in die Zukunft?

Wir können froh sein. Froh, dass wir auch nach den jüngsten Landtagswahlen nicht wie in Frankreich eine drittstärkste politische Kraft haben, die Nationalismus zum neuen Lebensgefühl des 21. Jahrhunderts erklärt. Nein, Deutschland hat bloß die AfD. Sie bedient mit ihrer Anti-Euro-Haltung nationales Gedankengut. Das macht sie interessant für all die, die sich im europäischen Dickicht und globalen Dschungel verloren fühlen. Je mehr dieser Modernisierungsgegner sie um sich schart, um so altbackener wirkt sie. Eine Partei der Verlierer jedoch hat keine Zukunft. Wenn die AfD also irgendwann als Koalitionspartner zur Verfügung stehen möchte, gibt es für sie nur eine Option: Sie muss sich zu einer modernen Partei entwickeln. Ich finde, das ist eine echte Alternative.

125 Jahre und kein Geld

Bei der Allianz ist Feuer unterm Dach, was Versicherer naturgemäß nicht mögen. Entzündet hat es sich, weil die Mitarbeiter nach prominenten Vorbildern wie etwa Daimler dachten, dass auch sie zum 125. Jubiläum eine Prämie bekämen. Aber: „Finanzielle Zuwendungen, sofern sie bedeutsam sein sollen, sprengen schnell den vertretbaren Rahmen“, sagt Markus Rieß, Vorstandsvorsitzender der Allianz Deutschland. Er stellt stattdessen ein schönes Fest in Aussicht. Falls da jetzt niemand kommen will, kann er die Aktionäre einladen. Die sind nach einer Milliarden-Dividenden-Zahlung nämlich prächtig gelaunt.

Einen schadensfreien Abend wünscht Ihnen

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Was vom Tage bleibt: Endlich herrscht im Wohnzimmer Mitbestimmung"

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  • Ich zitiere: "AfD: Je mehr dieser Modernisierungsgegner sie um sich schart, um so altbackener wirkt sie."

    Werter Herr Stock, was meinen Sie da mit 'Modernisierung'? Soll das heißen, daß wer den flachen Sprechblasen unserer Politiker und der bereits angeschlossenen Presse nicht ungefragt folgen will, nicht mehr 'modern' ist? Daß Sie sich da nur nicht täuschen und bald zu den übriggebliebenen zählen. Besser wäre es, wenn ein etwas zu junger Chefredakteur etwas tiefer schürfen würde. Gute Besserung!

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