Was vom Tage bleibt

_

Was vom Tage bleibt: Es ächzt im Gebälk

Das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland wird frostiger. Kroatien und China brauchen bei der wirtschaftlichen Entwicklung etwas Geduld. Und die Börse bleibt ein Unruhefeld. Der Tagesrückblick.

Stefan Menzel ist stellvertretender Chefredakteur von Handelsblatt Online.
Stefan Menzel ist stellvertretender Chefredakteur von Handelsblatt Online.

Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Anzeige


Freie Rede auch in Russland
Das Verhältnis zwischen Angela Merkel und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin ist nicht das beste, das ist schon länger bekannt. Der Konflikt ist gerade auch auf die Standhaftigkeit der deutschen Kanzlerin zurückzuführen. Menschenrechte, die Verfolgung von Minderheiten, freie Meinungsäußerung: Angela Merkel erhebt ihre Stimme, wenn in Russland wieder einmal etwas daneben geht. Und das ist gut so. Denn Wladimir Putin braucht Grenzen. Er muss begreifen, dass er mit seinen manchmal ziemlich verrückten Vorstellungen nicht immer durchkommt. Und dann darf auch einmal eine durchkomponierte Veranstaltung wie das deutsch-russische Wirtschaftstreffen in St. Petersburg Schaden nehmen. Frau Merkel will sich nicht das Wort verbieten lassen.

Kroatien, bitte etwas Geduld!
Kroatien wird in zehn Tagen das 28. Mitgliedsland der Europäischen Union. Natürlich lässt sich trefflich darüber streiten, ob das kleine Adria-Land wirtschaftlich reif genug ist für den Beitritt. Ich denke aber, dass die Aufnahme Kroatiens richtig ist. Das Durchschnittseinkommen liegt höher als in Bulgarien und Rumänien, also in zwei Ländern, die bereits Mitglied sind. Falsch ist es aber, wenn der kroatische Präsident heute schon über den Beitritt seines Landes zur Euro-Zone spekuliert. Dafür ist es dann wirklich noch zu früh. Kroatien soll erst einmal den ersten Schritt erfolgreich hinter sich bringen. Der Euro kann ein Thema werden, aber sicherlich nicht gleich morgen. Dafür fehlt es dem kleinen Land dann eben doch an wirtschaftlicher Kraft. Aber was nicht ist, das kann ja noch werden. Also Geduld, liebes Kroatien, irgendwann kommt auch Ihr an die Reihe.

Credit-Crunch am Yangtse
China ist für viele von uns sicherlich in vielerlei Hinsicht ein wirtschaftliches Vorbild. Die Wachstumsraten sind beeindruckend, ein paar Prozentpünktchen würden wir uns gern herüberholen. Doch auch das Wirtschaftswunder zwischen Peking und Schanghai kennt seine Grenzen. Die chinesische Führung in der Hauptstadt macht sich zunehmend Sorgen um die Banken und die Kreditausstattung der Wirtschaft. Kommt uns das nicht irgendwie bekannt war? Offensichtlich könnte dem Wirtschaftswunder-Land genau das passieren, was die westlichen Industrieländer schon schmerzlich hinter sich gebracht haben. Niemand muss also neidvoll auf die wirtschaftlichen Leistungen der Chinesen blicken: In Asien wird auch nur mit Wasser gekocht.

Die unheimliche Macht des Alten
Bei Volkswagen und Audi sind wieder einmal die Vorstände so richtig durcheinander geschüttelt worden. Dieses Mal hat es die Entwicklungs-Ressorts getroffen. Ein Name ist bei all den vielen Personalrochaden der vergangenen Tage überhaupt nicht gefallen: der von VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch. Der Oberkontrolleur des Autokonzerns ist Ingenieur durch und durch, dem die Entwicklung der Fahrzeuge besonders am Herzen liegt. Wetten, dass Piëch hinter dem Rausschmiss des Audi-Entwicklungsvorstands steckt? Piëchs Macht im Konzern ist unverändert riesig. Wer seine Erwartungen nicht erfüllt, der darf bald seinen Schreibtisch räumen. Solange ist den Aufsichtsratschef Piëch gibt, solange wird es auch diese spektakulären Personalwechsel geben.

Anleger, die Nerven bewahren
An den Börse haben viele Anleger während der vergangenen Tage sicherlich Blut und Wasser geschwitzt. Ein Tagesverlust beim Dax von fast 300 Punkten ist ein Wort, so etwas gibt es nicht alle Tage. Aber jetzt die gute Nachricht: Mit Verfall ist es an der Börse heute nicht weiter gegangen. Der eine oder andere mag sich vielleicht eine etwas kräftigere Gegenbewegung versprochen haben und ist deshalb etwas enttäuscht. Trotzdem: Auch die kleineren Verluste von heute stehen für eine Konsolidierung und eine Sockelbildung. Es ist einfach ziemlich logisch, dass die Börsen nach den starken Zuwächsen der vergangenen Wochen eine Verschnaufpause einlegen (müssen). Vielleicht geht es auch in der nächsten Woche noch einmal ein wenig nach unten. Aber davon sollte sich niemand abschrecken lassen: Es wird jetzt keinen großen Einbruch geben, der Wirtschaft geht es vergleichsweise gut.

Bleiben Sie also Optimist und genießen Sie das Wochenende!

Stefan Menzel

  • 22.06.2013, 07:19 UhrGuzzi_Cali2

    Die Beutekunst, die Menschenrechte in Russland sind mir zwar nicht völlig egal, aber im Gegensatz zu den Euro- und Banken-Rettungsaktionen aller Art betreffen mich die erstgenannten Themen rein gar nicht. Daher wäre es mir lieber, Frau Merkel würde einem Mario Draghi, einem Asmussen und den anderen EU-Clowns Paroli bieten. Da herrscht aber Schweigen im Walde und zwar komplett. Die deutschen Interessen werden NICHT in Moskau mit Füßen getreten, sondern in Berlin und in BRÜSSEL.

  • 21.06.2013, 18:55 UhrEuro

    "Angela Merkel erhebt ihre Stimme, wenn in Russland wieder einmal etwas daneben geht. Und das ist gut so."

    Diese Frau sollte auch ihre Stimme erheben, wenn in den USA etwas daneben geht. Aber da versagt ihre Stimme. Peinlich, sehr peinlich, da hat der "Wendehals" ploetzlich einen Knoten im Hals ;-)

  • Kommentare
Kommentar zu Hooligans: Falsche Freunde

Falsche Freunde

Die Schläger von Köln haben einen neuen Anlass zum Prügeln gefunden. Aber sie überhöhen ihn politisch – und geben sich als Beschützer vor den bösen Islamisten. Dass das durchaus ankommt, sollte uns alarmieren.

Nasa-Raketenunfall: Kein Platz für Raumfahrt-Nostalgie

Kein Platz für Raumfahrt-Nostalgie

Der Raketenunfall von Wallops Island ist Wasser auf die Mühlen der Kritiker, die der Nasa ihre verstärkte Zusammenarbeit mit privaten Raumfahrtunternehmen vorhalten. Doch die Nasa-Strategie hat sich durchaus bewährt.

  • Kolumnen
Was vom Tage bleibt: Achtung, hier kommt der Maut-Murks

Achtung, hier kommt der Maut-Murks

Die Koalition legt das chaotischste Gesetz ihrer Amtszeit vor. Putins wilde Jagd alarmiert die Nato. Middelhoff soll in Haft, meint zumindest der Staatsanawalt. Wieso das alles, lesen Sie hier im Tagesbericht.

Der Anlagestratege: Der gläserne Steuerbürger wird Realität

Der gläserne Steuerbürger wird Realität

Steuerlich werden Erträge aus Aktienanlagen in Deutschland schon lange stark diskriminiert. Statt für Steuergerechtigkeit zu sorgen, geht es dem Staat nur um die eigenen Einnahmen, das zeigt auch ein neues Abkommen.

Der Werber-Rat: Pflegeanleitung für Printprodukte

Pflegeanleitung für Printprodukte

Auf der Verleihung des Bayerischen Printmedienpreises wurde Print gefeiert. Anderswo wird schon der Abgesang angestimmt. Die Wahrheit liegt in der Mitte.

  • Gastbeiträge
Gastbeitrag zur Konjunkturabkühlung: „Dieser Irrsinn wird mit einem Knall enden“

„Dieser Irrsinn wird mit einem Knall enden“

Die Notenbanken erkaufen Zeit, Anleger lassen sich blenden und die Börsenkurse klettern auf Rekordstände, losgelöst von der Realwirtschaft. Die Folge ist klar, meinen die Ökonomen Friedrich und Weik. Und sie wird wehtun.

Merkels Haushaltspolitik unter Feuer: „Bundesregierung hat sich eingemauert“

„Bundesregierung hat sich eingemauert“

Die „Schwarze Null“ im Haushalt gilt der Regierung als ultimativer wirtschaftspolitischer Erfolg. Doch damit fehlt jeglicher Spielraum. Ein sicheres wirtschaftliches Fundament und das Ende der Euro-Krise sind wichtiger.

Kommunikation im Beruf: So laufen Karrierefrauen nicht gegen die Wand

So laufen Karrierefrauen nicht gegen die Wand

Männer kommunizieren – wie eine fremde Spezies – im Business-Kosmos anders als Frauen, die von klein auf auf Harmonie und Höflichkeit gepolt sind. Wie Sie das „Männisch“ verstehen und zu eigenen Zwecken nutzen können.

  • Presseschau
Presseschau: Angriff auf „Anshu's Army”

Angriff auf „Anshu's Army”

Kostspielige Skandale und Affären haben die Gewinne der Deutschen Bank ausradiert – vor allem im dritten Quartal. Die Wirtschaftspresse bezweifelt jedoch, dass die Rochade im Vorstand an der Malaise viel ändern kann.