Was vom Tage bleibt
Es geht in unseren Kopf nicht rein

Aktenzeichen 4U9525 ist nur scheinbar gelöst: Der Co-Pilot des Unglücksfliegers war schuld an der Katastrophe. In Wahrheit stehen wir jedoch hilflos vor einer Tat, die sich der Erklärung entzieht.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Wir ticken doch so: Ein Unglück, wie jetzt die 4U9525-Katastrophe, braucht eine Erklärung. Erst war es möglicherweise die Technik und jetzt ist es sehr sicher der menschliche Faktor. So legt es jedenfalls der Zwischenbericht der Ermittler nahe. Und kaum ist er veröffentlicht, seufzen wir alle auf: ufff. Die erste Hälfte der Erklärung ist geschafft.

Was jetzt fehlt, ist die zweite: Die Motive des Amokpiloten liegen noch im Verborgenen. Schon durchsuchen Polizisten seine Wohnung nach einem Anhaltspunkt, einem Abschiedsbrief, einer Terrorverbindung, einem Arztbericht oder nur einer unglücklichen Liebe.

Ist auch das geschafft, lehnen wir uns zurück und der Absturz bleibt eine schreckliche Geschichte – aber eben eine Geschichte mit einem Anfang und einem Ende. So sind wir. Unser Leben ist ein Film, am besten mit Vorspann und Abspann und einer in sich geschlossenen Handlung.

Was wir niemals akzeptieren, heißt in unserem System Wahnsinn. Ein Wahnsinniger hält an seiner Fehleinschätzung der Situation unbeirrbar fest. Sie kann noch so sehr im Widerspruch zur Wirklichkeit stehen, den Wahnsinnigen bringt das nicht von seinem Weg ab. Wer wahnsinnig ist, lebt in einer Wirklichkeit, die nur für ihn gilt. Er entzieht sich Argumenten, die nicht aus seiner Welt stammen. Wir haben keine Erklärung für sein Handeln.

Nach allem, was die Ermittler herausbekommen haben, war Andreas L. wahnsinnig. Er hat allein im Cockpit der Maschine gesessen und die Tür von innen verriegelt. Er hat absichtlich den tödlichen Sinkflug eingeleitet und ihn nicht gestoppt. Und er hat bis zum Knall gleichmäßig geatmet. Selbst, wenn es eine Erklärung für die Lebensmüdigkeit dieses Piloten geben sollte, wird es niemals eine dafür geben, warum er 149 andere Menschen mit in den Tod reißt, die an seinem Schicksal völlig unbeteiligt sind.

An dieser Stelle bleiben wir irritiert zurück. Wir, der nicht wahnsinnige Rest. Wir, die Ärzte, die nach einer medizinischen Ursache suchen. Wir, die Polizisten, die nach einem terroristischen Hintergrund fahnden. Wir, die Politiker, die sich neue Sicherheitsregeln ausdenken wollen. Und wir, die Journalisten, die wir doch die Welt erklären wollen. Andreas L. hat sich unser aller Erklärungsmuster entzogen. Damit müssen wir jetzt leben.

Einen nachdenklichen Abend wünscht Ihnen

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Was vom Tage bleibt: Es geht in unseren Kopf nicht rein"

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  • Das ist ja fast wie 11/09 – denn man denkt sich, dass wenn der wirklich bloß reine Suizid-Absichten gehabt hätte, dann hätte er sich auch in seiner Freizeit ein Sportflugzeug mieten können, und wäre damit abgestürzt. - Den haben ja nicht mal Kinder an Bord, eine ganze Schulklasse, davon abgehalten.
    Da komme ich auf eine Vermutung, die ich besser nicht ausspreche, zumal auch viele spezifische Einzelheiten noch nicht bekannt sind.

  • Die Menschheit ist kollektiv wahnsinnig. Habgier, Sex und Geltungssucht sind die treibenden Faktoren.

    Es ist selbstverständlich unverantwortlich, ein Flugzeug mit hunderten Menschen an Bord von nur einem einzigen (Co)-Piloten fliegen zu lassen. Hätte ein Crewmitglied neben dem Co-Piloten gesessen, wären die 150 Menschen sehr wahrscheinlich noch am Leben.

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