Was vom Tage bleibt
Gebt den Griechen eine Chance

In Griechenland stehen Neuwahlen an, der Rest ist Spekulation. Ein Ex-Minister verliert die Realität des Regierens aus den Augen, Air Asia kämpft mit einem Albtraum und es gibt noch echte Kapitäne. Der Tagesrückblick.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Zu früh geschossen

In Griechenland geht es demokratisch zu: Das Parlament hatte drei Anläufe Zeit, um sich auf einen neuen Präsidenten zu einigen. Das ist nicht geglückt, weswegen nun Neuwahlen der Regierung anstehen. So nüchtern hören sich die Tatsachen an, der Rest ist Vermutung. Es kann sein, dass eine linke Mehrheit als Ergebnis der Neuwahlen zustande kommt und mit dem Sparen Schluss macht. Es kann sogar sein, dass Griechenland dann die Eurozone verlässt, weil die Führung des Landes glaubt, allein besser klarzukommen. Aber wie gesagt: alles Kaffeesatzleserei. Tatsache ist dagegen, dass der Internationale Währungsfonds heute bereits alle Kreditlinien für Griechenland eingefroren hat. Nicht nur Lucky Luke schießt schneller als sein Schatten.

Heißer Verrechner

Das hat er schön gemacht: Der frühere Innenministers Hans-Peter Friedrich wirft der Kanzlerin unter maximaler Öffentlichkeit vor, konservative Wählerschichten zu vernachlässigen. Wer jetzt laut oder leise zustimmt, ist eher ein heißer Verrechner, denn ein kühler Kopf. Die Union unter Merkel ist die letzte verbliebene Volkspartei, die eine Machtoption hat. Merkel hat sie, weil sie Koalitionspartner findet und nicht nur ständig welche sucht. Das Prinzip funktioniert aber nur, wenn sie die Ränder rechts und links von ihr liegen lässt. Regierungsmehrheiten werden in der Mitte geschlossen, lautet die praktische Antwort auf Friedrichs Vorwurf.

Malaysischer Albtraum

Gewöhnlich sticht das Logo von Air Asia mit knalligem Rot und weißer Schrift hervor. Doch seit Sonntag ist nichts mehr gewöhnlich bei der malaysischen Fluggesellschaft: Seitdem Verschwinden des Fluges QZ 8501 hat die Fluggesellschaft ihr Firmenzeichen in ein helles Grau geändert. Ihr Chef Tony Fernandes bezeichnet das verschollene Flugzeug als „schlimmsten Albtraum“. Auch er muss davon ausgehen, dass der Flieger mit allen Passagieren ins Meer gestürzt ist. Fernandes und Air Asia – das war bislang eine malaysische Erfolgsgeschichte. Air Asia bezeichnet sich als die Fluggesellschaft mit den „niedrigsten Kosten“. Ihr Chef ist eine Art Richard Branson Asiens. Wie der britische Gründer der Virgin Airlines mag er es unkonventionell und taucht meist in Jeans und mit Baseball-Kappe auf. Er inszeniert sich als Glücksritter und ist jetzt doch ein Unglücksrabe.

Ein echter Kapitän

In diesem Unglück steckt auch eine gute Nachricht: Alle Passagiere der brennenden Fähre „Norman Atlantic“ sind evakuiert. An Bord waren am Abend nur noch der Kapitän und vier Marine-Mitglieder, sagte der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi. Er sagte es mit Trauer und mit Stolz. Trauer wegen der acht Menschen, die bei dem Unglück gestorben sind. Stolz, weil die Evakuierung trotz schlechten Wetters geglückt ist, und diesmal nicht als erstes der Kapitän das rettende Ufer gesucht hat.

Einen trockenen Abend wünscht Ihnen

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

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