Was vom Tage bleibt
Germany mit Patina

Der Fernsehbauer Loewe hat zu lange von seiner großen Tradition gezehrt. Nun ist nichts mehr zum aufzehren da. Die Goldmänner liefern wieder Rekorde. Merkel sitzt aus. Seehofer streicht Ferien. Der Tageskommentar.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Loewe wechselt den Aggregatzustand

Wieder so ein Name: Loewe. Das klingt wie Grundig, wie Telefunken, wie AEG. Es hört sich an wie „Made in Germany“ mit Patina darauf. Oft totgeglaubt, oft wiederauferstanden - manchmal ein unwürdiges Leben als Zombie geführt. Von einem dieser Aggregatszustände in den anderen wechselte heute der größte deutsche Fernsehbauer Loewe. Er steht für Glanz. Edles Design, edle Technik - und lausige Zahlen. Nun will sich die Firma mit einem Antrag auf Gläubigerschutz Zeit verschaffen – Zeit für die Sanierung und für die Suche nach einem reichen Retter. Der darf traditionell nicht mit museal verwechseln. Loewe hat diesen Fehler zu lange begangen.

Goldmans Früchte der Arbeit

Eine Bemerkung hat Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein einmal den letzten Nerv gekostet: Er werde weiter Gottes Arbeit verrichten – die Aussage wurde ihm als Überheblichkeit angekreidet. Das ist kein Wunder bei einer Bank, die wie keine zweite für ein pulsierendes Netzwerk mit besten Kontakten in Wirtschafts- und Regierungskreise steht und für manche Verschwörungstheorie gut ist. Fest steht: Goldman-Sachs ist eine kühl rechnende Investmentbank. In den zurückliegenden drei Monaten haben Blankfeins Mannen den Gewinn auf 1,86 Milliarden Dollar gegenüber dem Vorjahr verdoppelt. Der Handel auf eigene Rechnung ist zwar offiziell ad acta gelegt, aber auch ohne läuft das Geschäft mit Derivaten, Aktien und Anleihen rund. Höhere Kapitalvorgaben durch US-Behörden wird das Haus verkraften. „Oh Gott“, wird sich jetzt vielleicht manch Deutschbanker denken.

Boschs Familienprogramm

Bosch hat rund 1.800 Beschäftigten in Deutschland kürzere Arbeitszeiten verordnet. Der Autozulieferer und Industrieausrüster hatte für die meisten Standorte in Deutschland Betriebsvereinbarungen abgeschlossen, mit deren Hilfe die Beschäftigung bei Konjunkturschwankungen schnell der Nachfrage angepasst werden soll. Die Vereinbarung war als besonders familienfreundliches Entgegenkommen dahergekommen. Jetzt kommt mancher Papa tatsächlich früher nach Hause. Ich hoffe: gut gelaunt!

Merkels Modernität

Mit der NSA-Affäre haben SPD und Grüne ein Thema gefunden, mit dem sie die lange Zeit unangreifbar erscheinende Kanzlerin endlich attackieren können. Angela Merkel wolle die Affäre „aussitzen“ und kümmere sich offenbar nicht darum, dass die deutsche Bevölkerung „millionenfach“ ausgespäht werde, sagt SPD- Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann. Jürgen Trittin vergleicht Merkels Regierung mit „drei Affen“, die nichts hören, sehen und sagen wollen. Vielleicht ist die Kanzlerin aber nur mehr auf der Höhe der Zeit als die Opposition, die noch immer ein Recht auf private Daten reklamiert, wo doch jeder Deutsche im Schnitt dreimal im Jahr seine sämtlichen Daten inklusive Kreditkarten- und Kontonummer leutselig im Netz verschickt.

Seehofers Ansage

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer hat wegen der bevorstehenden Landtagswahl ein Sommerferien-Verbot für die Staatsregierung erlassen. Die bislang zwei sitzungsfreien Wochen im August sind futsch. Die Betroffenen nahmen die Nachricht gefasst auf: „Urlaub mache ich heuer sowieso nicht“, kündigte ein Kabinettsmitglied an, noch übertroffen von einer Kollegin: „Ich arbeite immer gern“. Der Landtag tagt bis zur Wahl am 15. September allerdings nicht mehr, neue Gesetze können also nicht verabschiedet werden. Deshalb ist nicht allen Kabinettsmitgliedern hundertprozentig klar, was sie eigentlich beschließen sollen.

Einen beschlussfreudigen Abend wünscht Ihnen

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Was vom Tage bleibt: Germany mit Patina"

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  • Niveau und Stil
    Einen LEOWE kann man doch nicht mit dem Massenmarkt vergleichen, der ist für Menschen mit Stil und Niveau gefertigt! Leider ist diese Art am aussterben und mit ihnen
    geht technische Finesse, die Liebe zum Detail und Nachhaltigkeit! Wegwerftechnik und billig, billig sind hip!

  • Ich ärgere mich über Sie Herr Stock.
    Loewe kann mit den Billigheimern in Asien einfach preislich nicht mithalten und der deutsche Bürger verdient zu wenig, um sich ein Loewe TV-Gerät in seine Räumlichkeiten zu stellen.
    Das ist das Gleiche wie bei LEICA, jeder amibitonierte Fotograf hätte wohl gerne eine „M-Leica“, aber sie ist für einen Normalverdiener fast unerschwinglich, oder mit vielen Monaten und Jahren sparen zu finanzieren. Mittlerweile werden glaube ich auch nur noch die Edelmodelle in Wetzlar gefertigt, der Rest in der Schweiz. Journalisten wie Sie, welche immer „dem liberalen ungeregelten Markt“ hinterherhecheln, sind mit verantwortlich, das der Standort Deutschland und der deutsche Arbeitsmarkt am Boden liegt und immer weiter ausblutet. Aber nur weiter so, der Tag der Abrechnung wird kommen. Auch das Handelsblatt wird bald seine Existenzberechtigung verlieren, spätenstens dann, wenn diese Zeitung wegen unterirdisch schlechter Artikel keine Sau mehr interessiet. Anstatt sich für eine solidarische Gesellschaft einzusetzen, welche zusammenhält und in welcher Werte und Menschlichkeit mehr zählen, als ein dickes Auto/Haus/Bankkonto und dieser parsitäre kranke Egowahn.
    Mittlerweile werden Menschen wohl nur noch als Arbeitssklave und Billigproduktkonsument gebraucht. Ich habe für diese Art von Wirtschaftsjournalismus und für seine schreiberlinge nur noch Verachtung übrig. Eine pewrsönliche Frage an Sie: „Warum nutzen Sie ihre Talente nicht sinnvoller und für eine gute Sache, anstatt sich tagtäglich mit diesen Finanzmarktterrorsisten und Abzockern auseinanderzusetzen?“

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