Was vom Tage bleibt

_

Was vom Tage bleibt: Gestatten, mein Name ist Bill, Euro-Bill

Weil ihn Deutschland nicht will, schickt der Euro-Bond jetzt seinen kleinen Bruder. Die Finanzexperten sehen schwarz für Deutschlands Zukunft. Und Richter zeigen mehr Humor als Louis Vuitton. Der Tagesrückblick

Florian Kolf ist Managing Editor des Handelsblatts.
Florian Kolf ist Managing Editor des Handelsblatts.

Wunderschönen guten Abend,

Kein Freibrief fürs Schuldenmachen

Manchmal ist Politik mehr das Suchen nach den richtigen Worten als nach der richtige Lösung: Nachdem Angela Merkel sich so klar gegen Euro-Bonds ausgesprochen hat, kann sie ohne Gesichtsverlust der Einführung von europäischen Gemeinschaftsanleihen nicht mehr zustimmen. Nun versuchen es die Franzosen mit der Tarnkappe. "Euro-Bill" haben sie das ungeliebte Produkt jetzt getauft und ihm eine etwas kürzere Laufzeit verpasst. Angela Merkel sollte trotzdem standhaft bleiben. Auch durch die Hintertür eingeführt bleiben die Gemeinschaftsanleihen ein Freibrief für fröhliches Schuldenmachen auf Kosten anderer.

Anzeige

Bleibt die Demokratie auf der Strecke?

Gerade wegen solcher Begehrlichkeiten ist es so bedenklich, dass mehr und mehr in der Schuldenkrise die parlamentarischen Kontrollmechanismen ausgehebelt werden. Angesichts der Panik an den Finanzmärkten und der galoppierenden Schulden wird plötzlich als "alternativlos" bezeichnet, was noch kurz zuvor zurecht als Tabu galt. Das Bundesverfassungsgericht hat jetzt zumindest mal ein Zeichen gesetzt, dass das so nicht weitergehen darf. Es hat in seinem heutigen Urteil klargestellt, dass der Bundestag mehr Kontrollrechte beim Euro-Rettungsschirm haben sollte. Die praktischen Auswirkungen des Urteils dürften aber leider zunächst gering sein.

Was vom Tage bleibt Tagesrückblick als E-Mail-Abonnement

Unseren kommentierten Nachrichtenrückblick ab 18.30 Uhr werktäglich in Ihrem Postfach - hier bestellen.

Was vom Tage bleibt: Tagesrückblick als E-Mail-Abonnement

Nicht den Kopf hängen lassen

Viele Finanzexperten haben mittlerweile die Hoffnung aufgegeben, dass Deutschlands Wirtschaft unbeschadet aus der Euro-Krise herauskommt. Das Konjunkturbarometer des ZEW ist geradezu abgestürzt. Es fiel im Juni um 27,7 Punkte auf minus 16,9 Zähler - so stark wie seit Oktober 1998 nicht mehr. Doch eins darf man nicht vergessen: Der ZEW-Indikator misst die Stimmung an den Märkten, nicht reale Wirtschaftsdaten. Und dass die Finanzexperten zurzeit hochnervös sind - wer will es ihnen verdenken. Die Lage in Europa ist wirklich ernst. Doch sowohl China als auch die USA senden vorsichtige Signale der Hoffnung. Also nicht den Kopf hängen lassen.

Die WestLB ist Geschichte

Jahrelang war es eine Hängepartie, nun kann es gar nicht schnell genug gehen. Kaum haben sich das Land Nordrhein-Westfalen, die Sparkassen und der Bund auf die milliardenschwere Lastenverteilung bei der Abwicklung der WestLB geeinigt, montierten Arbeiter bereits den Schriftzug an der Zentrale der Landesbank in Düsseldorf ab. Ob den Eigentümern ihr einst so stolzes Institut mittlerweile peinlich ist. Grund genug dazu hätten sie ja. Aber wahrscheinlich wollen sie nur, dass sich keiner daran erinnert, mit wie vielen Fehlern sie zu diesem Milliardendebakel beigetragen haben.

Was fehlt? Der Luxuskonzern Louis Vuitton hat das Hollywood-Studio Warner Brothers wegen des Kurzauftritts einer gefälschten Handtasche in der Slapstick-Komödie "Hangover II" verklagt. Der Richter zeigte sich jedoch erfreulich unaufgeregt und bezweifelte, dass den meisten Zuschauern die Tasche überhaupt aufgefallen ist. Dieser Richterspruch muss der Marketingabteilung von Louis Vuitton richtig wehgetan haben.

Ich wünsche Ihnen einen entspannten Feierabend,

Florian Kolf

Diskutieren Sie mit dem Autor auf Facebook

  • 19.06.2012, 21:11 Uhrnanoflo

    Leute geht auf die Straße gegen das was manche da vor haben bevor es zu spät ist!
    Wir dürfen nicht zulassen unsere Zukunft zu verschenken für so unwillige Länder!

  • 19.06.2012, 18:42 Uhrgegen-den-ESM

    Richtig, SCHULDEN ÜBERNEHMEN, NICHT dafür BÜRGEN!

    Denn wir alle wissen dass diese Schulden nie zurück gezahlt werden.

    Man will nur den crash möglichst lange hinauszögern, denn bis dahin kann man noch viel Geld für sich selbst zum konsumieren oder investieren abholen.

    Und nach dem crash solls nach dem Willen aller Sozis und aller Euro-Wahnsinnigen sofort mit der finalen Transferunion weitergehen.
    Da warten dann viele Jobs im Politbüro für verdiente Parteisoldaten die immer brav genickt haben.

  • 19.06.2012, 18:25 Uhrhagadi

    EURO-Bonds oder EURO-Bill egal mit welchem Namen das Kind daherkommt, es hat nur ein Ziel: WIE BRINGE ICH ANDERE DAZU MEINE SCHULDEN ZU ÜBERNEHMEN!

  • Kommentare
Kommentar: Von der Kampfdrohne zur Friedenstaube

Von der Kampfdrohne zur Friedenstaube

„Dieser Krieg muss ein Ende haben“: Obama ruft die Wende im Kampf gegen den Terror aus. Weniger Drohnenangriffe, das Aus für Guantanamo – der Präsident scheint es ernst zu meinen. Er arbeitet an seinem Vermächtnis.

Kommentar: Die neue Generation der Alten

Die neue Generation der Alten

Spielekonsolen müssen sich im Konkurrenzkampf mit Smartphones und Tablets ihre Daseinsberechtigung neu verdienen. Microsoft geht dabei mit der neuen Entertainmentmaschine Xbox One eine heiße Wette ein.

  • Kolumnen
Was vom Tage bleibt: Die Wahrheit über den Schuldenschnitt

Die Wahrheit über den Schuldenschnitt

Der Euro-Gruppen-Chef setzt sich ins Fettnäpfchen, vielleicht mit Absicht? Der Pampershersteller macht seinen alten Chef zum neuen Chef. Mit China droht ein Handelskrieg und Fahrradfahrer dürfen auch nicht länger betrunken fahren. Der Tagesbericht.

Weimers Woche: Ins linke Knie geschossen

Ins linke Knie geschossen

Die Grünen fallen in den Umfragen immer weiter zurück. Die strittigen Steuerpläne und die quälende Kinderschänderdebatte belasten die Partei vordergründig. Das eigentliche Problem sitzt aber viel tiefer.

Handelsblog Bernanke, der Fuchs

Wenn Ben Bernanke, der Chef der US-Notenbank, hinauffährt zum Capitol Hill und mit Abgeordneten und Senatoren diskutiert, werden immer wieder dieselben Argumente ausgetauscht. Und dabei zeigt sich meist, dass der Notenbank-Chef seinen... Von Frank Wiebe. Mehr…

  • Gastbeiträge
SPD feiert Geburtstag: Große Marke ohne Kern und Vision

Große Marke ohne Kern und Vision

150 Jahre mit einem gefühlten Marktanteil von 30 Prozent im Markt ist eine Meisterleistung. Mannesmann oder Quelle könnten ein Lied davon singen, wenn es sie noch gäbe. Glückwunsch für die SPD - und ein Marken-Check.

Gastbeitrag: „Die SPD hat sich nie verleugnet“

„Die SPD hat sich nie verleugnet“

Politik sei das langsame Bohren harter Bretter, sagte Max Weber. In 150 Jahren hat die SPD tatsächlich viel hartes Holz gebohrt und viel erreicht. Für die Zukunft muss sie sich eines bewahren: ihren Mut.

Gastkommentar Lafontaine: Plädoyer für ein neues Währungssystem

Plädoyer für ein neues Währungssystem

Das Eurosystem ist falsch konstruiert und kann nicht funktionieren. Ein Haus, dessen Statik nicht stimmt, bricht irgendwann zusammen. Deshalb brauchen wir ein stabileres neues europäisches Geldsystem.

  • Presseschau
Presseschau: „Spaniens Tage sind gezählt“

„Spaniens Tage sind gezählt“

Die Verstaatlichung der spanischen Großsparkasse Bankia ist nach Medieneinschätzung nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die entscheidende Frage sei, wie Spanien die Rettungsmaßnahmen bezahlen wolle. Die Presseschau.