Was vom Tage bleibt
„Groteske Verkehrung des Wählerwillens“

Die Politik macht, was sie will, aber nicht, was die Wähler wollen. Deutschland landet vor Gericht. Dieter Hildebrandt verstummt. Der Tagesbericht.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Der Wähler und sein Wille

„Die SPD diktiert in den Koalitionsverhandlungen die Überschriften, die CDU beschränkt sich darauf, über Spiegelstriche zu verhandeln.“ Diesen Eindruck formuliert Volker Wissing, er ist Chef der unglücklichen FDP in Rheinland-Pfalz. „Es ist eine groteske Verkehrung des Wählerwillens, wenn die Union tatenlos zusieht, wie 25,7 Prozent SPD-Stimmen, 41,5 Prozent CDU-Stimmen an der Nase durch den Ring führen“, sagt er. Der Mann hat ja so Recht. Wir Zuschauer fragen uns tatsächlich, ob wir wirklich Eintrittskarten für dieses Theaterstück gelöst haben, oder ob nicht etwas ganz anderes auf dem Plakat stand. Gekauft hatten wir den Walkürenritt, zu sehen bekommen wir eine Tändelei a la Shakespeare: Viel Lärm um nichts. Der Clou ist, dass ausgerechnet die FDP bemängelt, dass die Politik nicht macht, was die Wähler wollen. Das ist komisch, weil die FDP selbst nur noch zu den Wählern, aber derzeit nicht mehr zur Politik gehört.

Deutschland vor Gericht

Tadel für den Musterschüler: Im Streit um staatliche Beihilfen für Post und Bahn hat die EU-Kommission Deutschland vor dem Europäischen Gerichtshof verklagt. Die Post soll durch eine Kombination aus hohen regulierten Portokosten und Zuschüssen für Beamtenpensionen einen unfairen Wettbewerbsvorteil haben. Bei der Bahn ist nicht sicher, ob Steuergeld, das zum Erhalt des Schienennetzes gedacht ist, nicht auch in den Personen- und Güterverkehr fließt. Dies könnte ebenfalls dazu führen, dass sich die Bahn mit Hilfe von Staatsgeld einen unlauteren Vorteil gegenüber Konkurrenten verschafft. Nun ließe sich vielleicht einwenden, dass deutsches Steuergeld bei Post und Bahn besser aufgehoben ist als bei zypriotischen Banken - aber in solchen Vergleichen denken die Brüsseler bekanntlich nicht.

Öko-logisch

Ein Bild kann sich schnell verselbstständigen, wenn die Botschaft nur skandalös genug ist. Josef Ackermann, der Victory-Banker, kann davon eine Geschichte erzählen. Der Journalist Tobias Gillen auch. Er entdeckte am Ebertplatz in der Kölner Innenstadt einen Porsche und einen Ferrari auf Behindertenparkplätzen vor der Grünen-Zentrale, fotografierte die Szene und twitterte die Aufnahme mit dem Satz „Ich möchte dieses Bild – in all seinen Facetten – einfach mal unkommentiert wirken lassen“. „Öko-logisch“ bewerteten die Twitterer die Sportwagenparade, und die Grünen beeilten sich festzustellen, dass keinem von ihnen, sondern den Vermietern die Luxusautos gehörten. Doch wie das so ist mit selbständigen Botschaften: Sie sind ganz schwer wieder einzufangen. Die Grünen sind immer noch auf der Jagd.

Totalschaden

Schluss-Pointe: Als viele Zeitungen heute morgen die Meldung über Dieter Hildebrandts schwere Krebserkrankung mit dem Zitat „Ich bin ja noch nicht tot“ druckten, da war der Veteran des Kabaretts bereits von der Bühne abgetreten. „Ich muss mal zur Reparatur“, hatte er seinen letzten Gruß getitelt - und nun ist es ein Totalschaden. „Statt zu klagen, dass wir nicht alles haben, was wir wollen, sollten wir lieber dafür dankbar sein, dass wir nicht alles bekommen, was wir verdienen“, hat Hildebrandt getextet. Ich hoffe, Dieter Hildebrandt bekommt nun alles, was er verdient. Er hat es verdient.

Einen freundlichen Abend wünscht Ihnen

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

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