Was vom Tage bleibt
Heißer Reifen

Porsches Anfall von Größenwahn hat ein gerichtliches Nachspiel. Banken machen Anleger erfolgreich nervös und der Dax purzelt. Verdi spielt mit den Muskeln. Der Tagesbericht.
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Guten Abend Ihnen allen,

Anklage I

Im Zweifel für den Angeklagten ist ein guter Rechtsgrundsatz, der aber immer in vielen Köpfen nicht gilt, wenn der Fall hinreichend prominent ist. Dieser hier ist es: Drei Porsche-Manager, darunter der früherer Finanzchef Holger Härter müssen wegen des Verdachts auf Finanzbetrügereien bei der geplatzten Milliarden-Übernahme von Volkswagen vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hat Anklage wegen Verdachts auf Kreditbetrug erhoben. Alle drei Angeklagten halten sich für unschuldig. Die Ankläger werfen den drei Managern dennoch vor, bei der Anschlussfinanzierung eines Kredits über zehn Milliarden Euro gegenüber der Bank falsche Angaben gemacht zu haben. Gefühlt haben die Ankläger einen wunden Punkt getroffen: Porsche mit seinen rund 12 000 Beschäftigten teilte vor knapp vier Jahren mit, VW mit seinen rund 430.000 Mitarbeiter mal eben übernehmen zu wollen. Die Jungs bei Porsche mussten einen verdammt heißen Reifen gefahren sein, um sich das zuzutrauen. Mal sehen, was die Staatsanwälte so finden.

Anklage II


Eher politische Motive vermute ich bei einer zweiten Anzeige gegen Topmanager: Eine Anwaltsgruppe, die sich die Verteidigung der Menschenrechte vorgenommen hat, zeigt die Chefs des Nahrungsmittelriesen Nestlé an. Sie seien strafrechtlich dafür verantwortlich, was bei Töchtern in fernen Ländern geschehe, meinen die Anwälte und beschreiben den Fall eines kolumbianischen Gewerkschafters, der nach einem Streikaufruf von paramilitärischen Mördern niedergestochen wurde. Wie auch immer dieser Fall ausgeht: Nicht nur Nestlé wird mehr und mehr klar, dass eine globale Produktion auch ein globales Rechtsverständnis einfordert. In einem weltweiten Konzern mögen national unterschiedliche Löhne vertretbar sein, national unterschiedliche Rechtsstandards sind es nicht.

Nervöse Anleger

Die Märkte, die es ja als solche gar nicht gibt, sondern die nur ein Abbild der Summe dessen sind, was Anleger durch ihre Entscheidungen zum Vorschein bringen, diese Märkte also sind heute nervös geworden. Droht der Schuldenschnitt für Griechenland zu scheitern? Der internationale Bankenverband hat jedenfalls vor einer unkontrollierten Pleite Griechenlands gewarnt und der Dax fiel daraufhin am Nachmittag um drei Prozent. Ganz so nervös müssen Anleger nicht sein. Sie sollten besser an die Frösche denken, die auch grundsätzlich davor warnen, die Teiche austrocknen zu lassen. Wer sich das klar macht, weiß: Die Gefahr, die die Banken heraufbeschwören, ist vor allem eine für sie selbst.

Muskelspiele

Es ist Streikzeit. In der Metall- und in der Chemieindustrie wird um höherer Löhne gerungen, was angesichts munter sprudelnder Unternehmensgewinne okay ist. Der öffentliche Arbeitgeber allerdings, der hat auch im Boomjahr 2011 keinen Cent Gewinn eingefahren. Wenn Verdi-Chef Frank Bsirske jetzt 6,5 Prozent mehr für die Arbeitnehmer im öffentlichen Dienst fordert, dann weiß keiner, wo es herkommen soll, wenn nicht aus steigenden Schulden. Anstatt sich darüber in Verhandlungen zu geben, ruft Bsirske nach ein paar Stunden, in denen sich die Verhandlungsgegner allenfalls beschnuppert haben, zum Streik auf. Das ganze sieht so aus, als wollte da einer mal so richtig die Muskeln spielen lassen, bevor in den tatsächlichen Kampf zieht. Da ein K. o. des Gegners in einer Tarifauseinandersetzung aber keinem etwas nützt, wären eigentlich auch diese Muskelspiele überflüssig.

Einen streikfreien Abend wünscht Ihnen

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Was vom Tage bleibt: Heißer Reifen"

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  • Bananenrepublik

    Es reicht nicht, Herr Stock. Der ESM-Vertrag entwickel sich zu einem Dickicht durch das genauso wenig durchgeblick werden kann wie bei den Verträgen von Porsche und VW. Schlimmer noch: Die Politkaste entzieht sich der Rechtsbeugung und Scheuble will durch Agio sich bedienen und durch die Spreadunterschiede die Steuerzahler haftbar machen.

  • Lieber Herr Stock,

    schade, dass es immer noch Menschen gibt, welche den Realitäten im Jahre 2012 nicht so gerne ins Auge schauen.
    Nein, der, öffentliche Dienst hat keine Gewinne eingefahren, hat er nie und wird er nie, denn dazu ist er nicht da.
    Er hält allerdings das Land am Laufen und das werden Sie spätestens dann wieder merken, wenn er still steht und mal nichts tut, der öffentliche Dienst.
    Er IST systemrelevant und wenn er dann mal hustet, der Herr Bsirske, treibt es Ihnen so gleich die Schweißperlen auf die Stirn.
    Wer hat den die Billionen Schulden, die finanziellen Verwerfungen verursacht unter denen wir alle stöhnen? Wer wurde und wer wird dafür jemals zur Rechenschaft gezogen?
    So lange es Menschen gibt, die die wahren Ursachen für die Situation nicht vergessen, so lange habe ich die Hoffnung, dass darunter vielleicht auch ein paar (unabhängige?) Journalisten sein könnten...

    Thomas Riedel

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