Was vom Tage bleibt
Heuchler in Hochform

Geheime Dokumente enthüllen Details über Milliardenvermögen in Steueroasen, in den Banken wird offenbar gezockt, getäuscht und verschleiert und deutsche Provinzfürsten mutieren zu Kannibalen. Der Tagesrückblick
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Wunderschönen guten Abend,

Mächtige Interessen

Jetzt ist die Aufregung groß. Hatte doch offenbar bis heute kein Politiker geahnt, dass reiche Anleger Milliarden und Abermilliarden von Schwarzgeld in den sogenannten Steueroasen verstecken. Nach den jüngsten Enthüllungen einer anonymen Quelle fordern sie nun, den Kampf gegen diese Paradiese für Steuerhinterzieher ganz oben auf die Tagesordnung zu setzen. Zugegeben: Die Details, die die 2,5 Millionen Dokumente ans Licht bringen, sind pikant. Aber die schiere Dimension der hinterzogenen Gelder war auch vorher kein Geheimnis, auch die verwickelten Staaten nicht. Aber offenbar gab es mächtige Interessen, gleich mehrere Augen zuzudrücken. Oder würden Sie darauf wetten, dass nur in Frankreich prominente Politiker einen Trust in Übersee unterhielten?

Ungebremst jongliert

Bei Goldman Sachs ist man schwer betroffen, dass der ehemalige Händler Matthew M. Taylor mal so eben 120 Millionen Dollar verzockt hat. „Wir sind sehr enttäuscht, dass er das Vertrauen des Unternehmens so missbraucht hat“, klagte eine Sprecherin. Doch verdächtig ist das schon, dass Taylor zunächst ungebremst mit mehr als acht Milliarden Dollar jonglieren konnte – und dass er 2007 kurz nach dem missglückten Megadeal still und heimlich gefeuert wurde. Da fällt es schwer zu glauben, dass die Bank wirklich so ahnungslos war, wie sie jetzt tut.

Schwerwiegender Verdacht

Für die Deutsche Bank wird es langsam ernst. Die Bundesbank und die Finanzaufsicht Bafin planen jetzt eine Sonderprüfung bei dem Institut. Der Verdacht ist schwerwiegend: Die Bank soll Verluste in Milliardenhöhe verschleiert haben, angeblich um die Annahme von Staatshilfe zu vermeiden. Hatte doch der damalige Chef Josef Ackermann gesagt, er würde sich schämen, Staatshilfe in Anspruch zu nehmen. Und beim Tricksen erwischt zu werden ist keine Schande? Angesicht der zahlreichen Skandale, in die die Deutsche Bank verwickelt ist, kann man da nur noch Wilhelm Busch zitieren: „Ist der Ruf erst ruiniert...“

Kannibalen der Luftfahrt

Nicht zu verschleiern sind die Verluste, die die zahlreichen Regionalflughäfen in Deutschland produzieren. Fast jeder Provinzfürst möchte sich mit einem eigenen Tor zu Welt schmücken – koste es, was es wolle. Heute ist in Kassel ein weiteres potenzielles Millionengrab eröffnet worden. Tapfer schwärmte Ministerpräsident Volker Bouffier dies sei ein „herausragender Tag für Hessen, ein Tag an dem wir die Weichen stellen für den wirtschaftlichen Erfolg einer ganzen Region“. In der Praxis werden sich eher die über ganz Deutschland verstreuten Miniflughäfen gegenseitig kannibalisieren. Von Kassel bis zum benachbarten Airport Paderborn sind es gerade mal 71 Kilometer. Noch Fragen?

Was fehlt? Was haben der Monty-Python-Song „Always look on the bright side of life“, „My Way“ von Frank Sinatra und die Titelmusik der Muppet Show gemeinsam? Nach einer Umfrage unter britischen Bestattern werden diese Lieder besonders gerne auf Beerdigungen gespielt. Wie sagte mir mal eine ältere Dame: „Spaß muss sein, sonst geht keiner zur Beerdigung.“

Ich wünsche Ihnen einen fröhlichen Feierabend.

Florian Kolf

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Florian Kolf
Florian Kolf
Handelsblatt / Teamleiter Handel und Konsum

Kommentare zu " Was vom Tage bleibt: Heuchler in Hochform"

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  • Zu vermuten ist leider eher, dass uns nur max. B-Promis präsentiert werden. Die Verschleierungsaktionen laufen sicher schon auf Hochtouren. Die Damen und Herren der Öffentlich_Rechtlichen wissen ja schliesslich wer ihnen ihre Pfründe garantiert und werden sicher daran erinnert. Bei den Privaten ist der Devise eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Thats it. Warum wurden die Daten nicht in Tranchen auf verschiedenen Servern abgelegt? So wären diese blitzschnell und unaufhaltsam im Internet unterwegs gewesen und jeder könnte die Daten sichten.

  • Zum Thema Schwarzgeld:

    Schäuble hatte mal einen Briefumschlag im Schreibtisch vergessen. Allerdings nur 100'000 DM. Jetzt interessiert er sich für größere Summen. Und da sind Paradiese plötzlich etwas böses und Oasen die Verdurstende retten ebenso. Schließlich -so der Orwellsche Neusprech- hat das Geld bzw die Lebensarbeitsleistung von Menschen ja auch nur den Zweck der reGierung -unter dem Deckmantel von Umverteilungswohltaten- Leben, Luxus und Sonderrechte zu gewährleisten.

    Und zu Kassel-Calden:

    in den USA hat jede Siedlung so ab 3000 Einwohner einen Flugplatz. Weil sie weiß, daß diese Investition ungefähr 10 mal soviel Nutzen wie Kosten bringt. Der Großraum Dalls/Ft.Worth -mit Berlin vergleichbar- hat 14 Flughäfen und Flugplätze. Der Faktor 10 gilt jedoch nicht in Zentral-Europa, denn hier saugen überflüssige Luftfahrt-Bürokratie und unsinnige Vorschriften den gesamten wirtschaftlichen Nutzen schnell wieder weg. Beispiele? Als die Amerikaner Berlin-Tempelhof betrieben betrug die Landegebühr für kleine Maschinen 10 DM. Dann übernahm eine rote Partei mit sozialer Gerechtigkeit das Tempelhofer Feld und verlangte für die gleiche (Null-) "Dienstleistung" 150 DM. In den USA ist sowas grundsätzlich frei. Und deshalb kann dort auch ein Handwerker oder Mittelständler seinen Projekte mit diesem Verkehrsmittel nachgehen. Aber das Gebührenabsaugen geht natürlich noch viel weiter: über die ZÜP, Medicals, JNP, Lizenzerteilungen (besser -beschränkungen) u.v.a.m. Luftfahrt sollte eigentlich die Straßen entlasten und den Menschen Zeit ersparen. Aber in Deutschland ist das Gegenteil der Fall. Zuerst muß die Verfettung der Bürokratie sicher gestellt sein. Wie auf vielen anderen Feldern des Lebens auch.

  • "Wer kehrt da mit eisernem Besen?"
    ________________________________________

    Sie jedenfalls scheinbar nicht.
    Wo doch schon die Frage in den Raum durch Sie gestellt wirken könnte.

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