Was vom Tage bleibt
Im Hoeneß-Strudel

Der Fall Hoeneß kann auch jene in der Wirtschaft beschädigen, die ihm lange die Treue gehalten haben. Auf der Krim brennt die Lunte. Und der Bär besucht den Aktienmarkt. Der Tagesbericht.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

„Mensch von Format“?

Horst Seehofer sieht es so: „Die Entscheidung von Herrn Hoeneß nötigt mir Respekt ab. Seine Erklärung zeigt, dass er ein Mensch mit Format ist. Er hat sehr verantwortlich gehandelt, indem er auf die Revision verzichtet und seine Ämter niedergelegt hat.“ Und Herbert Hainer, im Hauptberuf Chef von Adidas, wird bis auf weiteres Aufsichtsratsvorsitzender der FC Bayern München AG. Damit kann Hoeneß nun in Ruhe seine Strafe absitzen und die Sache ist erledigt. Wirklich? Ich weiß noch immer nicht, woher das Geld stammt, das Hoeneß zum Zocken benutzte. Ich frage mich auch, was der Aufsichtsrat über diesen Bayern-Präsidenten wusste, der erst eher drei und dann eher 30 Millionen Euro an Steuerschulden einräumen musste. Der erst nur ein Konto in der Schweiz und dann doch mindestens eins mehr bei sich entdeckte. Ich frage mich auch, wie Aufsichtsräte, die ansonsten als Chefs von Unternehmen wie eben Adidas, Audi oder Allianz peinlichst darauf bedacht sein müssen, mit Korruption nicht in Berührung zu kommen, im Fall Hoeneß die Zusammenarbeit fast ein Jahr lang fortsetzten. Der Vorhang zu und alle Fragen offen? Es liegt an uns: Wir müssen den Vorhang noch nicht zuziehen. Auch der Abspann könnte Überraschungen bergen.

Verschollen

Seit fast einer Woche ist Flug MH370 aus Malaysia verschwunden. Einfach fort. Eine ganze Boeing voller Menschen. Wir können jedes Handy orten. Manche wissen, was die Kanzlerin in ihren geheimsten Gesprächen so sagt. Satelliten umkreisen die Welt und können noch die Größe unseres Haarausfalls am Kopf messen. Aber ein ausgewachsenes Verkehrsflugzeug bleibt verschwunden. Am 31. Juli 1944 startete der Dichter Antoine de Saint-Exupéry morgens zu seinem planmäßig letzten Kriegs-Aufklärungsflug in einer Lockheed F-5 in Richtung Grenoble. Er kehrte nie zurück. Erst 1998 fand ein Fischer vor der französischen Küste ein Silberarmband in seinem Netz, das dem Schöpfer der Figur des Kleinen Prinzen gehörte. Von Saint-Exupéry stammt die Einsicht: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Die Angehörigen der Verschollenen werden diese Worte kennen.

Den Krieg denken

Das Treffen zwischen dem russischen Außenminister Sergei Lawrow und seinem US-Kollegen John Kerry ist ohne ein Ergebnis geblieben, das uns in der Krim-Krise aufatmen ließe. Also wird am Wochenende auf der Halbinsel abgestimmt und Russland dürfte sich so ein weiteres Argument schaffen, um sich das Land einzuverleiben. Wir Menschen des 21. Jahrhundert stehen staunend davor und erleben, wie eine Kanonenboot-Politik, von der wir zumindest in Europa geglaubt hatten, dass wir sie hinter uns gelassen haben, noch immer angewendet werden kann und zum Erfolg führt. Es ist nicht der Umstand, dass die Krim mal wieder russisch wird, der Europa irritiert, sondern mehr die Tatsache, dass auch auf unserem Kontinent Machthaber den Krieg als Mittel zum Zweck kühl einkalkulieren. Und so kommt es, dass wir Journalisten gar nicht so schnell schreiben können, wie die Krise eskaliert. Den Krieg, sagt übrigens Brecht, verlangt Denkbarkeit – und die hatten wir uns im Gegensatz zu Putin abgewöhnt.

Der Geruch des Bären

Die Angst um eine Eskalation der Krim-Krise hat die Märkte weltweit pendeln lassen. Der Dax fiel heute zwischendurch mal unter die Marke von 9000 Punkten. Kurz vor Handelsschluss gelang die Zähmung und er wendete in ein kleines Plus. Doch es ist nicht nur die Krim-Krise: Nachdem bald alle großen deutschen Unternehmen ihre Ergebnisse vorgelegt haben, wird sichtbar – wir haben uns verschätzt. Die Zahlen sind nicht ganz so glanzvoll wie gedacht. Der Börsen-Bär verbreitet seinen Geruch.

Unbeobachtet

Der Verfassungsschutz wird Bundestagsabgeordnete der Linkspartei künftig generell nicht mehr beobachten. Dies geht aus einem Schreiben von Bundesinnenminister Thomas de Maizière an Linkspartei-Fraktionschef Gregor Gysi hervor. Das ist nicht schlimm. Es gibt immer mal Situationen, in denen die Rechte nicht weiß, was die Linke tut.

Ein fröhlich unkoordiniertes Wochenende wünscht Ihnen

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

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