Was vom Tage bleibt
Ist Hannelore Kraft die wahre Liberale?

Das endgültige Aus für Opel in Bochum lieferte interessante Erkenntnisse, die Grünen suchen nach einer Linie, Apple lernt seine Grenzen kennen und Teddybären helfen beim Aufschwung. Der Tagesrückblick
  • 1

Wunderschönen guten Abend,

Überraschende Erkenntnisse

Dass Opel jetzt den Standort Bochum sogar komplett aufgibt, provoziert überraschende Erkenntnisse über die deutschen Parteien. Nun werfen CDU und FDP, traditionell ja eher der Marktwirtschaft verpflichtet, der SPD-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft vor, sie habe sich nicht genug engagiert, um die Arbeitsplätze zu halten. Dabei hat sie aus liberaler Sicht das einzig Richtige getan: Sie hat dem Unternehmen die Freiheit gegeben, in Verhandlung mit seinen Mitarbeitern zu entscheiden, wo es in welchem Umfang produzieren will und darauf verzichtet, mit Subventionen den Wettbewerb zu verzerren. Kein Wunder, dass die Parteien verblassen, wenn sie aus taktischen Gründen so ihre Grundsätze vergessen.

Verwirrende Vielfalt

Selbst die Grünen wissen zurzeit ja nicht genau, wo sie wirtschaftspolitisch stehen. Auf ihrem Parteitag diskutieren sie bis Sonntag noch ihr Programm für die Bundestagswahl, stiften davor aber noch fleißig Verwirrung. Spitzenkandidat Jürgen Trittin feiert sich im Handelsblatt-Interview als wahren Retter des Mittelstandes, obwohl die Steuerpläne seiner Partei Familienbetriebe massiv zusätzlich belasten werden, wie eine Rechnung des Zentrums für Europäische Wirtschaftsordnung zeigt. Zugleich warnt der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, seine eigene Partei davor, die Wirtschaft zu sehr zu belasten. Das könnte ein fröhlicher Parteitag werden.

Ende der Arroganz

Ist das die Wende? Nachdem der i-Konzern Apple diese Woche schon einen massiven Gewinneinbruch vermelden musste, hat jetzt sein ärgster Konkurrent Samsung den Nettogewinn um 42 Prozent auf umgerechnet fünf Milliarden Euro gesteigert. Überraschen kann das nicht. Wer sich in der jungen Generation umschaut, wird feststellen: Der Nimbus von Apple verblasst. Samsung-Geräte werden nicht mehr deswegen gekauft, weil sie billiger als die Konkurrenten von Apple sind, sondern weil sie mindestens ebenso cool sind. Apple ist zuzutrauen, dass sie darauf eine Antwort haben. Aber die neue Situation wird dem geradezu arroganten Umgang des Konzerns mit seinen Kunden endlich Grenzen setzen.

Streik abgewendet

Lange Zeit sah es so aus, als ob der Brief komplett aus der Mode kommt und der Ex-Monopolist Deutsche Post seine Zukunft bereits hinter sich hat. Doch wer in dieser Woche während des Briefträgerstreiks schmerzlich auf wichtige Sendungen gewartet hat, versteht, dass es ohne Post doch nicht geht. Zahlen belegen das: Zwar tragen dank des Booms beim Online-Handel die Pakete einen großen Teil zum Post-Ergebnis bei, aber auch der Gewinn aus dem Brief-Geschäft stieg im vergangenen Jahr - auf 1,2 Milliarden Euro. Jetzt hat sich die Post mit den Mitarbeitern geeinigt, dass die Gehälter um 5,7 Prozent steigen. Der Streik ist abgewendet. Und wir sind daran erinnert worden, dass man manches erst zu schätzen lernt, wenn es mal nicht da ist.

Was fehlt? Wirtschaft hat viele Facetten. Am Wochenende trifft sich die internationale Teddybär-Szene in Münster, mehr als 10.000 Plüschbären gibt es auf der Messe "Teddybär Total" zu bestaunen. Man mag das belächeln. Aber auch das trägt dazu bei, dass Deutschland eines der wirtschaftlich stärksten Länder der Welt. Eine gesunde Ökonomie lebt von der Vielfalt.

Ich wünsche Ihnen ein kuscheliges Wochenende.

Florian Kolf

Diskutieren Sie mit dem Autor auf Facebook

Florian Kolf
Florian Kolf
Handelsblatt / Teamleiter Handel und Konsum

Kommentare zu " Was vom Tage bleibt: Ist Hannelore Kraft die wahre Liberale?"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • "Jetzt hat sich die Post mit den Mitarbeitern geeinigt, dass die Gehälter um 5,7 Prozent steigen"

    Herr Kolf, jetzt übernehmen Sie auch die Unsitte, Wachstumsraten nicht mehr aufs Jahr gerechnet anzugeben,
    sondern bezogen auf beliebige Zeiträume.
    Wie sind denn die Wachstums- und Inflationsprognosen und
    voraussichtlichen Produktivitätsgewinne in der Laufzeit
    des Tarifabschlusses?
    Richtig, solche Vergleichszahlen existieren nur auf jeweils
    12 Monate bezogen.
    Können Sie dem Publikum mal ausrechnen, um wie viel die
    Löhne der Postler jetzt pro Jahr steigen???

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%