Was vom Tage bleibt
Karstadt stirbt auf Raten

Berggruen verkauft Karstadts Filetstücke. Die FDP wird zur Mitleidspartei. Dem Dax-Hoch traut niemand. Trittin holt die Vergangenheit ein. Und in Italien taucht ein (Alp)traum wieder auf. Der Tagesbericht.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Weg mit dem Luxuszeug

Stellen Sie sich vor, Sie haben zu Hause in der Garage einen Rolls-Royce und eine Rostlaube. Sie verkaufen den Rolls-Royce und lackieren für das Geld die Rostlaube neu. Ist Ihr Fuhrpark hinterher in einem besseren oder in einem schlechteren Zustand? Milliardär und Karstadt-Eigner Nicolas Berggruen glaubt: in einem besseren. Er verkauft die Luxuskaufhäuser KaDeWe, Alsterhaus und Oberpollinger plus 28 Sport-Geschäfte. Käufer ist der Tiroler Investor Rene Benko, den Berggruen einst, als es um einen möglichen Kauf von Kaufhof ging, noch als unseriösen Konkurrenten erbittert bekämpfte. 300 Millionen Euro zahlt Benko, Berggruen will die Summe in die übriggebliebenen Karstadt-Häuser investieren. Unterm Strich heißt das: Was sich verkaufen lässt, ist weg - der Rest stirbt auf Raten. Eine angestrichene Rostlaube ist eben kein Rolls-Royce.

Zu wenig Neid

Die FDP wird zur Mitleidspartei. Drei Prozent in Bayern - jetzt wählt uns, damit wir nicht untergehen, lautet die Verzweiflungsbotschaft am Tag danach. Die Rechnung kann sogar aufgehen. Aber ich würde mich unwohl fühlen, wenn - sagen wir - diese Seite gelesen würde, damit es diese Seite gibt. Richtig gut werden sich auch Rösler und Co. nicht fühlen, wenn sie gewählt werden sollen, damit es die FDP noch gibt. Sie wissen: Mitleid bekommen sie geschenkt. Neid müssen sie sich verdienen. Und neidisch auf die FDP ist seit Bayern kein Mensch.

Zahme Nachfolgerin

8626 Punkte. So hoch stand der Deutsche Aktienindex noch nie. Doch das Allzeithoch, das der Dax heute erreicht hat, begeistert irgendwie nicht. Das liegt an der Ursache für die Börsenrally: Die US-Notenbank wird die Märkte weiter mit billigem Geld versorgen, weil der frühere Wirtschaftsberater von US-Präsident Barack Obama, Larry Summers, seine Kandidatur für den Posten des Chefs der Notenbank zurückzieht. Er hätte eine strengere Geldpolitik durchgesetzt. Jetzt dürfte am ehesten Fed-Vizechefin Janet Yellen Nachfolgerin ihres Chefs Ben Bernanke werden. Ihr traut niemand einen Kurswechsel zu. Denn: Hätte sie eine andere Politik gewollt, hätte sie längst kündigen müssen.

Reue nach 32 Jahren

In der Pädophilie-Debatte um die Vergangenheit der Grünen geht es auch um Spitzenkandidat Jürgen Trittin. Er hat 1981 presserechtlich das Kommunalwahlprogramm einer Alternativ-Grünen-Initiativen-Liste in Göttingen verantwortet, das Sex zwischen Kindern und Erwachsenen unter bestimmten Bedingungen straffrei stellen wollte. Trittin war damals Student und Göttinger Stadtratskandidat und im Sinne des Presserechts verantwortlich für das Programm. Sechs Tage vor der Wahl ist diese Nachricht schön platziert. Bevor jemand den nächsten Stein wirft: Schauen Sie doch mal nach, wozu Sie vor 32 Jahren Ja und Amen gesagt haben.

Ein (Alp)traum taucht auf

Vor der italienischen Insel Giglio hat die Bergung der „Costa Concordia“ begonnen. Das vor gut 20 Monaten gekenterte Schiff soll in einem technischen Kraftakt aufgerichtet werden. Das Schöne am menschlichen Schaffen ist, dass im gleichen Maße wie wir etwas vernichten, es auch wieder aufbauen. Unterm Strich schaffen wir sogar mehr Neues, als wir Altes kaputt machen. Die Differenz heißt Fortschritt. Falls das Schiff wieder flott wird, werde ich dort einmal eine Reise tun: um den Fortschritt zu genießen und wegen der Sicherheit auf einem statistisch unsinkbaren Schiff zu fahren. Zweimal geht schließlich kein Traum baden.

Träumen Sie schön heute Nacht

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Was vom Tage bleibt: Karstadt stirbt auf Raten"

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  • Eine "Boutikenkette" für Leute, die gerne ein wenig mehr bezahlen, hat auch nie jemand gebraucht. Früher waren Kaufhäuser nicht gierig und hatten als Kaufhaus deshalb auch Erfolg. Ein Nilpferd kann sich auch keine Balletschuhe anzeihen und als Tanzmaus Geld verdienen.

  • Sollte der "Filetstücke"-Verkauf gar strategisch intendiert gewesen sein bereits beim Kauf der Truppe?

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