Was vom Tage bleibt
Kein Geld für Dschingderassabum

Ein deutsch-französisches Symbol könnte weggespart werden. Schwarz-Grün hat Vorbilder. Beck macht was Neues. Und eine Frau wird Nobelpreisträgerin. Die Kommentare zum Tag.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Putziges Relikt

Das französische Verteidigungsministerium denkt darüber nach, seinem in Deutschland stationierten Infanterieregiment den Abmarschbefehl zu erteilen. Es geht um die deutsch-französische Brigade, die 1987 von Helmut Kohl und François Mitterrand gegründet wurde – als Symbol der Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern. Obwohl das Verteidigungsministerium am Abend dementiert: Die Überlegungen entspringen dem profanen Grund, dass Frankreich ziemlich pleite ist. Es gibt kein Geld für Dschingderassabumm. Offenbar ist die deutsch-französische Aussöhnung ein putziges Relikt wie eine Schreibmaschine, die nur noch Chancen auf einen Platz in der Museumsvitrine hat. Bevor wir jetzt melancholisch werden, sehen wir es lieber so: Aus Aussöhnung ist Partnerschaft geworden. Und Partner helfen sich auch ohne eigens dafür ausgebildete Streitkräfte. Fragen Sie mal zu Hause nach.

Auf einen Tee

Die Frankfurter kennen noch ihre Petra Roth. Als Oberbürgermeisterin hatte sie ein Bündnis mit den Grünen vorangetrieben. Seit 2006 regiert eine Mehrheit von CDU und Grünen die Finanzmetropole. Stabil – und so zuverlässig wie Politik eben sein kann. So etwas wünscht sich auch Angela Merkel. Sie trifft sich heute Abend mit den Spitzen der Grünen, um die Möglichkeiten der ersten schwarz-grünen Koalition auf Bundesebene auszuloten. Vielleicht hat sie vorher mit Petra Roth einen Tee getrunken. Laut britischem Benimm-Kodex sind bei einer Tasse Tee die Gesprächsmöglichkeiten breit. Unverfängliches sollte an erster Stelle stehen. Entsprechend der Reaktion des Gesprächspartners wird sich herauskristallisieren, ob etwas nur kurz angetippt bleibt oder vielleicht vertieft wird. Das Wetter bietet sich an. Religion, Sex und Politik gelten als Privatsache. Heute Abend wird sich zeigen, ob die beiden Damen gesprochen und sich an den albernen Kodex gehalten haben.

Beck macht was Neues

Ex-Ministerpräsident Kurt Beck wechselt ein halbes Jahr nach seinem Karriereende zum Pharmariesen Boehringer Ingelheim. Er soll dort die Arbeit der Unternehmensleitung begleiten. Beck rückt für den Schweizer Management-Berater Fredmund Malik nach, der Ende 2012 ausschied. Ein knappes Jahr war die Stelle also unbesetzt, dem Unternehmen geht es dennoch nicht schlecht. Es sieht ganz so aus, als habe Beck damit eine Rolle gefunden, die eher einem Statisten als einem Titelhelden auf den Leib geschrieben ist.

Meisterin der Andeutung

Alice Munro erhält den Literaturnobelpreis. Die 82-Jährige sei „die Meisterin der zeitgenössischen Kurzgeschichte“, sagte der Sprecher der Nobelpreis-Jury. Die Kanadierin ist erst die 13. Frau, die diese Auszeichnung erhält. In Deutschland erschien vor Kurzem ihr „Was ich dir schon immer sagen wollte/13 Erzählungen“. Eine Erzählung handelt von einem undichten alten Kahn, den ein paar Mädchen und Jungen finden und reparieren wollen. Sie schleppen ihn aus dem Wasser, sie kommen sich näher. „Sie dachten voneinander jetzt kaum noch als Namen oder Personen, sondern als hallende Schreie, Lichtspiegelungen, alle wagemutig und weiß und laut und schamlos, wie Pfeile.“ Munro ist nicht nur Meisterin der Kurzgeschichte, sondern auch Meisterin von Andeutungen, die präziser nicht sein könnten – ein Talent, das derzeit in Koalitionskreisen sehr gefragt ist.

Meisterin der Ausrufezeichen

Großbuchstaben und Ausrufezeichen: Am Donnerstag ist der deutsche Ableger des Nachrichtenportals „Huffington Post“ online gegangen. Das Geschäftsmodell dieses Online-Portals heißt: Jeder kann schreiben. Die Währung, in der er bezahlt wird, ist Aufmerksamkeit. Und dazu benötigt es eben ein paar Ausrufezeichen mehr. Wir hier bei Handelsblatt Online bezahlen unsere Journalisten so, dass sie in der Lage sind, unabhängig zu recherchieren. Ehrlich gesagt finde ich diese Idee immer noch die überzeugendere. Wir brauchen auch nicht so viele Ausrufezeichen!

Einen unabhängigen Abend wünscht Ihnen

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

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