Was vom Tage bleibt
Lang ist der Weg zur wahren Selbstachtung

Die Liberalen wollen etwas nicht verlieren, was sie in Wahrheit noch nicht gewonnen haben. Ryanair ist die bessere Germanwings. Die EU kann den Markenschwindel nicht stoppen. Lesen Sie, was heute wichtig ist.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Eiliger Schrittmacher

Wir erinnern uns: „Ab jetzt wird geliefert“, hat ein heute beinahe vergessener FDP-Chef mit Namen Philipp Rösler einst in die Menge gerufen. „Ein einfaches, gerechteres Steuersystem mit niedrigeren Sätzen“ kündigte sein Vorgänger Guido Westerwelle an. Sattgefunden hat das alles nicht, weswegen wir die FDP nicht mehr gewählt haben. Heute hat wieder einer gerufen: Christian Lindner ist der Nachfolger Röslers und er sagte beim Dreikönigstreffen: „Die Selbstachtung lassen sich die Freien Demokraten niemals mehr nehmen.“ Schrittmacher Lindner macht damit den zweiten Schritt vor dem ersten: Selbstachtung werden die Liberalen erst dann wieder wirklich haben, wenn sie Wahlen gewinnen. Und dazu müssen wir Wähler ihnen glauben können, dass sie liefern. Ein Teufelskreis, den nur ein Optimist wie Lindner durchbrechen kann.

Abgehobener Optimist

Europas größter Billigflieger, die irische Fluglinie Ryanair, attackiert die Lufthansa und ihre Billigmarke Germanwings: „Wir wollen unseren Marktanteil deutlich ausbauen“, sagte Ryanair-Boss Michael O’Leary. „Derzeit haben wir einen Marktanteil von rund vier Prozent in Deutschland, in den nächsten drei bis vier Jahren streben wir eine Steigerung auf 15 bis 20 Prozent an.“ O’Leary ist eine Art Lindner der Luftfahrt. Mit dem Kopf ist er schon längst abgehoben, während die Füße manchmal im Matsch festklemmen.

Everybody's Depp

O’Leary, Lindner, die Bundesregierung – alle sind sie Optimisten. Die Bundesregierung ist es deswegen, weil sie zu erkennen gibt, dass sie ein Austritt Griechenlands aus dem Euro nicht schrecken würde. Merkel und Schäuble sagen es nicht direkt, sondern lassen es unwidersprochen im „Spiegel“ schreiben. Zu direkt zu sein, würde ja den einen oder anderen verprellen. „Everybody's darling is everbody's Depp“, hat Franz-Josef Strauß einst in schönstem Denglisch gedichtet. Optimisten die Klartext reden, wären mir noch lieber als verschwiemelte Optimisten.

Brüsseler Spitzen

Auch die EU-Kommission gehört zu den Optimisten. Sie will bei den Freihandelsverhandlungen mit den USA alles geben, damit keine Nürnberger Rostbratwürste aus Kentucky, kein Schwarzwälder Schinken aus Texas oder Brüsseler Spitzen aus Alaska hierzulande auf den Markt kommen. Was als regionale Spezialität geschützt ist, soll auch geschützt bleiben, sagen die Brüsseler und glauben, dass dann alles gut wird, während sie ihr Budweiser aus den USA trinken, sich von ihrem Emmentaler aus dem Allgäu eine Scheibe abschneiden und den Salat mit italienischem Olivenöl aus Griechenland beträufeln.

Einen optimistischen Abend wünscht Ihnen

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Was vom Tage bleibt: Lang ist der Weg zur wahren Selbstachtung"

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  • FDP: Lindner kopiert dabei allerdings Präsentationsformen, wie man sie aus US-amerikanischen Wahlkämpfen zu kennen scheint - oder aber, besser noch, von öffentlichen Predigerveranstaltungen von Sektenvertretern im us-amerikanischen Fernsehen.

    Das mag lustig wirken, das einstudiert wirkende gestische Arsenal des jungen Herren da auf der Bühne in seinem blauen Kreis.

    Kommt man jedoch auf die Idee, dem Herrn Lindner auch noch zuzuhören merkt man schnell, dass die FDP sich aufgemacht zu haben scheint sich selbst vollkommen von der politischen Bühne zu verabschieden, um für Vertreter des Bible-Belt hier für pseudopolitisch intendierten Klamauk die Fassade zu geben.

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