Was vom Tage bleibt
Lieber profitabel als sexy

Zwischen Fußball und der Euro-Rettung gibt es Parallelen, die Verfassungsrichter nehmen die Klagen gegen den Rettungsschirm sehr ernst und Deutschland stößt Privatanleger vor den Kopf. Der Tagesrückblick
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Wunderschönen guten Abend,

Verhandlungen nach dem Schlusspfiff

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Nein, hier ist nicht die Rede von der Fußballeuropameisterschaft, sondern vom Euro-Gipfel. Dabei gibt es ja gewisse Parallelen. Bei beiden Ereignissen haben sich die Schuldenstaaten wie Italien oder Spanien durchgesetzt. Doch anders als im Fußball steht beim Euro-Gipfel selbst nach dem Schlusspfiff das genaue Ergebnis noch nicht fest. Nun wird gezockt, was das Zeug hält, heute wird das Griechenland-Spiel nachverhandelt. Die EZB fordert Härte gegen Athen, die griechische Regierung umschmeichelt den Schiedsrichter (die Troika) und fordert einfach neue Regeln. Und der Zuschauer staunt.

Sorgfalt vor Eile

Ohnehin könnten einige der Gipfelentscheidungen bald Makulatur sein. Schon am Dienstag kommender Woche, so gab das Bundesverfassungsgericht heute bekannt, will es über die Klagen gegen das ESM-Gesetz beraten. Wie ernst die Richter die Kritiker nehmen zeigt eine ungewöhnlicher Schritt: Die Verhandlung soll mündlich stattfinden. Normalerweise treffen die Richter Entscheidungen über Eilanträge anhand der Schriftsätze. Doch die Folgen sind weitreichend: Entscheiden die Richter für die Kläger, wird der Bundespräsident die Gesetze zunächst nicht unterzeichnen. Das ist gut so. Denn in diesem Fall geht Sorgfalt vor Eile.

Privatanleger? Nein danke.

Verkehrte Welt: Griechenland, Spanien, Italien und Portugal bieten ihre Anleihen an wie sauer Bier und freuen sich über jeden der zugreift. Und Deutschland will sie Privatanlegern am liebsten gar nicht mehr verkaufen. Nur noch bis Ende 2012 können Privatkunden ihr Geld über die Finanzagentur direkt in Bundesschatzanweisungen, Bundesobligationen und Bundesanleihen investieren. Danach ist der Erwerb wohl nur noch über Kreditinstitute möglich. Das Finanzministerium begründet diese Pläne mit hohen Kosten. Doch dieser Schritt wäre heikel, signalisiert er doch, dass der Staat sich um die Interessen privater Anleger nicht schert.

Gute Gewinne mit Gas

Was wurde Wolfgang Reitzle von vielen belächelt, als er von der schillernden Branche der Luxusautos zum langweiligen und eher technischen Geschäft mit Gasen wechselte. Doch ganz offenbar hat der Linde-Chef alles richtig gemacht. Mit der geplanten Milliardenübernahme des US-Unternehmens Lincare zeigt er, welche Fantasie im Gasegeschäft steckt, expandiert er damit doch in den zukunftsträchtigen Gesundheitsbereich. Da kann er über die Kritiker nur lächeln und in Abwandlung eines Wowereit-Zitats sagen: Lieber profitabel als sexy.

Was fehlt? Europa kann auch mal etwas von Nordkorea lernen: Wenn es nicht so gut läuft, dann sing dich zum Erfolg. Das nordkoreanische Regime hat dem jungen Führer Kim Jong-un jetzt eine eigene Hymne gewidmet und will damit die wirtschaftlichen Probleme vergessen machen. Vielleicht sollte die EU Beethovens "Ode an die Freude" wieder ausgraben.

Ich wünsche Ihnen einen anregenden Feierabend,

Florian Kolf

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Florian Kolf
Florian Kolf
Handelsblatt / Teamleiter Handel und Konsum

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