Was vom Tage bleibt
Mengenrabatt beim Amtsgericht

Neckermann, Nürburgring, Schlecker - heute gehören die Nachrichten des Tages den Pleitekandidaten. Doch was sind diese Desaster gegen die politische Pleite, die in Syrien das Regime hinwegfegt? Der Tagesbericht.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Pleitewelle

Gab's bei deutschen Amtsrichtern heute Mengenrabatt? Erst beantragen die Betreiber des Nürburgrings Insolvenz. Dann sieht der Versandhändler Neckermann ein, dass nichts mehr möglich ist, und legt eine gepflegte Pleite hin. Zwischendurch erfahren wir, dass Ermittler beim gestürzten Drogeriekönig Anton Schlecker angeklopft und seine Räume durchsucht haben. Ihr Verdacht: Insolvenzverschleppung. Den vierten in dieser Runde zu nennen ist unfair, denn bei ihm geht es möglicherweise noch einmal bergauf, nachdem es derzeit allerdings eher bergab geht: Der gerettete ehemalige Pleitekandidat Karstadt wird Mitarbeiter entlassen, um nicht wieder da zu stehen, wo er vor zwei Jahren schon einmal gestanden hat.

Wahre Helden

So sind die Nachrichten. Und sie legen nahe, dass der Held unserer Tage, der Verbraucher, der bislang in Deutschland so unerschütterlich konsumierte, als gäbe es weder eine Eurokrise noch irgendwelche Probleme mit irgendwelchen Banken - dass dieser Held seinen Heldenmut verloren hat. Konsumiert er nicht mehr? Falsch. Die Deutschen sind weiter in Kauflaune. Nur nicht da, wo sie glauben, nichts mehr finden zu können. Bei Versandhändlern zum Beispiel, die ihre Tugenden erst dann entdecken, wenn andere sie längst abgehängt haben. Oder in Kaufhäusern, die sich im Zehn-Jahres-Rhythmus verändern, während die Zeit draußen täglich mit Überraschungen aufwartet. Wer dagegen mit der Zeit geht, hat auch die Kunden auf seiner Seite. Rossmann etwa. Die Schlecker-Konkurrenz gab heute bekannt, dass sie mehr als 100 Filialen einer Schlecker-Tochter übernehmen. Es lohnt sich eben, nicht stehen zu bleiben.

Tyrannenmord

In Tunesien hat sich ein Gemüsehändler selbst angezündet, weil er keine Lizenz für seinen Gemüsestand bekam. Das entfachte vor zwei Jahren die arabische Revolution, die ein Regime nach dem anderen hinwegfegte. Heute haben die Unzufriedenen in Syrien einen Tyrannenmord begangen und den Verteidigungsminister des Landes sowie seinen Sicherheitschef und Schwager in die Luft gesprengt. Seit Stunden kämpft nun Präsident Assad um sein politisches Überleben. Auch er ist ein Stehengebliebener, den die Zeit hinwegfegt. Allerdings heißt sein Vergehen nicht Insolvenzverschleppung, sondern Krieg gegen die eigenen Bürger.

Ein Getriebener

Credit Suisse-Chef Brady Dougan versucht den Befreiungsschlag. Er will ein für allemal Zweifel an der Kapitalausstattung seiner Bank ausräumen, die wie Blei auf dem Aktienkurs der CS-Aktie lasteten. 15,3 Milliarden Franken sollen deswegen auf der hohen Kante landen. Komisch. Bislang hatte er stets darauf verwiesen, dass seine Bank eine der am besten kapitalisierten Institute der Welt sei. Immerhin: Dougan bleibt nicht stehen. Aber offenbar ist er ein Getriebener. Ein Hoffnungsträger jedenfalls sieht anders aus.

Stehen Sie nicht zu lange rum heute Abend. Das wünscht Ihnen

Oliver Stock

Anm. d. Redaktion: Eine missverständliche Äußerung zu Präsident Assad haben wir am späten Mittwochabend nachträglich korrigiert.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Was vom Tage bleibt: Mengenrabatt beim Amtsgericht"

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  • Ich würde Sie bitten, liebes Handelsblatt, in Sachen Syrien die Umsicht zu zeigen, die Sie auch in Sachen Euro-Rettung/-Zerstörung zeigen: Sie beleuchten beide Seiten.

    Hören Sie endlich auf, bewaffnete Rebellen, die von den USA, Saudi-Arabien und der Türkei mit Geld und Waffen unterstützt werden, als Zivilisten darzustellen. Jeder Staat hat seine Souveränität( zumindest wäre es schön) und wer sich bewaffnet gegen den Staat auflehnt, selber politische Gegner ermordet und sich dann als Opfer darstellt, der ist vieles, aber kein Zivilist mehr.

    Ich lese Ihr Blatt, bzw. Ihr online-Angebot ja wirklich gerne, weil es sich doch größtenteils - Gott sei Dank - von anderen Schmierblättern wie dem Spiegel oder dem Stern ein wenig abgrenzt, ganz zu schweigen von der BILD. Aber immer wieder muss ich enttäuscht feststellen, dass auch sie teilweise nur den vorgegebenen Müll aus Lügen, Inszenierung und Verwirrung von sich geben.

    Lassen Sie es bitte, ich weiß, sie können es besser.

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