Was vom Tage bleibt

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Was vom Tage bleibt: Neurotiker, hört die Signale!

Sind das gute oder schlechte Zeichen? Die EZB setzt auf historische Tiefe, London auf rekordverdächtige Höhe, Irland auf den Neustart. Und Schlecker verfolgt die Kunden im Urlaub. Der Tagesrückblick

Florian Kolf ist Managing Editor des Handelsblatts.
Florian Kolf ist Managing Editor des Handelsblatts.

Wunderschönen guten Abend,

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Neurotische Märkte

Selbst in dieser Zeit, die an Ausnahmesituationen so reich ist, ist es ein historischer Moment: Die EZB hat erstmals in ihrer Geschichte den Zinssatz unter die Marke von einem Prozent gesenkt. Doch die Gefahr ist groß, dass selbst diese eigentlich sinnvolle Maßnahme verpuffen könnte. Denn viele Marktteilnehmer und auch viele Experten sind mittlerweile in einer Neurose gefangen: Macht die EZB nichts, ist das ein Zeichen, dass alles noch schlimmer wird, handelt sie, ist es ein Zeichen, dass alles schon viel schlimmer ist. Selbst die de facto konzertierte Aktion der Notenbanken in Europa und China wird nur als weiteres Signal gesehen, wie dramatisch die Krise ist. Wie sollen wir aus diesem psychischen Teufelskreis noch ausbrechen?

Irischer Frühling

Vielleicht, indem wir die kleinen Hoffnungszeichen mehr beachten. Eins kam heute aus Irland. Das Land verkaufte Dreimonats-Papiere mit einer Rendite von 1,8 Prozent. Das Volumen lag wie angepeilt bei 500 Millionen Euro, die Emission war 2,8-fach überzeichnet. Irland hatte den Geldmarkt nicht mehr in Anspruch genommen, seit das Land 2010 ein Rettungspaket erhielt. Doch kaum einer hatte damit gerechnet, dass das Land nun so schnell wieder zurück kommt - und dann gleich so erfolgreich. "Das sollte man feiern", sagte EZB-Chef Mario Draghi. Eine klare Ansage an alle Neurotiker.

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Gefährliche Höhe

In London haben sie alles richtig gemacht - zumindest, wenn man den Wolkenkratzer-Index von Andrew Lawrence ernst nimmt. Nach dieser Theorie wurden Gebäude mit Rekordhöhe immer vor Zeiten wirtschaftlichen Niedergangs gebaut, so zum Beispiel die Petronas Towers in Kuala Lumpur kurz vor der Asienkrise 1997 oder der Burj Khalifa in Dubai in der Finanzkrise 2007. Das spektakuläre Hochhaus "The Shard", das heute in der britischen Hauptstadt eröffnet wurde, ist zwar das höchste Großbritanniens, aber nur das zweithöchste Europas. Da hat die britische Konjunktur ja noch mal Glück gehabt.

Unbeherrschbare Technik

Die beste Technik kann immer nur so gut sein, wie der Mensch sie einsetzt. Das hat jetzt der Untersuchungsausschuss zur Atomkatastrophe in Fukushima wieder einmal schonungslos offengelegt. Das Erdbeben und der Tsunami waren nur der Auslöser, Schuld aber waren die verantwortlichen Personen, die die Technik nicht beherrschen konnten. Wer das nur als Schlag gegen die Atomenergie interpretiert, greift zu kurz. Es ist ein Misstrauensvotum gegen eine naive Technikgläubigkeit. "Drum prüfe, wer sich ewig bindet..." gilt auch, wenn man sich von Technologien langfristig abhängig macht.

Was fehlt? Der totgeglaubte Discounter Schlecker kämpft mit allen Mitteln und läuft seinen Kunden jetzt offenbar noch in den Urlaub hinterher. Nachdem alle Filialen in Deutschland geschlossen wurden, will die Kette nun mehr als 60 neue Märkte in Spanien aufmachen. Aber in Wahrheit will der Insolvenzverwalter wohl nur ein optimistisches Signal an einen möglichen Käufer der spanischen Niederlassung senden.

Ich wünsche Ihnen einen entspannten Feierabend,

Florian Kolf

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  • 31.07.2012, 21:17 UhrLilly

    Wie sollen wir aus diesem psychischen Teufelskreis noch ausbrechen?

    Lieber Herr Kolf,
    gute Frage. Antwort: wir können nicht. Es ist nicht nur eine griechische Tragödie, sondern eine "Zonen"-Tragödie.

    No way out. Sackgasse. Dead lock.

  • 06.07.2012, 13:49 UhrHermann.12

    Unbeherrschbare Technik?
    Eigentlich brachte die Unteruchung genau das Gegenteil ans Licht. Technik ist beherrschbar!
    Was aber schon immer das Problem war, Menschen lernen letztlich immer erst durch Erfahrung, bevor der richtige Umgang funktioniert.
    So war es bei Kohle und Stahl und auch im Maschinenbau.

    H.

  • 06.07.2012, 11:27 UhrMazi

    Sehr geehrter Herr Kolf,
    Sie beschreiben mit ganz einfachen Worten einen Zustand, in dem jemand machen kann was er will, es wird immer als falsch erkannt. Ein Großteil der EU-Bürger wird dieser Analyse außerhalb der politischen Propaganda zustimmen.

    Das ist nichts anderes als die Beschreibung eines Zustands, bei dem Handlungszwang und zwar die sofortige Abberufung angesagt ist. Ein weiteres festhalten an dem Kandidaten ist unverantwortlich. Aber das einkassieren der Pensionen nicht vergessen!

    Es ist der Sache auch nicht gedient, die Aktion hinauszuschleppen. Man mag sich aus persönlichen Gründen dagegen stellen wollen, aber 480 Millionen EU-Bürger leiden darunter und gefährden sogar unser Staatswesen.

    Ich verstehe Ihren Beitrag jedenfalls eindeutig so, dass Sie zur sofortigen Abberufung von Draghi und Konsorten aufrufen.

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