Was vom Tage bleibt

_

Was vom Tage bleibt: Perverse Zahlenspiele

Der Steuerbürger zahlt so viel wie nie, den Konsumenten vergeht die Lust auf Shopping, die Kohle geht aus und ein Abzocker wandert in den Knast. Der Tagesrückblick

Florian Kolf ist Managing Editor des Handelsblatts.
Florian Kolf ist Managing Editor des Handelsblatts.

Wunderschönen guten Abend,

Anzeige

Sisyphos lässt grüßen

Es sind Zahlen, die einen schwindelig werden lassen. Rund 600 Milliarden Euro wird der deutsche Staat wohl in diesem Jahr an Steuern einnehmen – so viel wie nie zuvor. Schon deswegen hat das Handelsblatt den Steuerzahler zur Person des Jahres 2012 gekürt. Im Grunde kann man ihn mit Sisyphos vergleichen – er zahlt und zahlt und es reicht doch nicht. Denn Finanzminister Wolfgang Schäuble wird im kommenden Jahr wieder 25 Milliarden Euro an neuen Schulden aufnehmen. Und die perverseste Zahl: Mehr als 30 Milliarden Euro zahlt der Bund allein für den Schuldenberg – fast genau der Betrag, der pro Jahr für Hartz-IV-Empfänger aufgewendet wird.

Keine Lust auf Konsum

Dass den Deutschen da die Lust am Shoppen etwas vergeht, ist mehr als verständlich. Wie die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) heute mitteilte, ist das Konsumklima-Barometer auf den tiefsten Stand seit Dezember 2011 gefallen. Der private Konsum galt bisher dank der guten Arbeitsmarktlage und der Aussicht auf höhere Einkommen als Bollwerk gegen die Schuldenkrise. Wenn sich nun die Stimmung dreht, kann das fatal sein. Und das Schlimmste ist: Uns steht ein Jahr bevor mit Dauerwahlkampf. Wie soll der Bürger da Mut fassen, dass es vorwärts geht?

Was vom Tage bleibt Tagesrückblick als E-Mail-Abonnement

Unseren kommentierten Nachrichtenrückblick ab 18.30 Uhr werktäglich in Ihrem Postfach - hier bestellen.

Keine Gnade für Abzocker

Dieses Urteil wird viele Mitarbeiter von Media Markt mit Genugtuung erfüllt haben: Ihr ehemaliger Chef Michael Rook muss für mehr als fünf Jahre in den Knast. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er sich in großem Stil von einem Unternehmer für Aufträge hat schmieren lassen. Das Urteil sendet ein gutes Signal: Es wird eben nicht nur die kleine Kassiererin dafür bestraft, dass sie einen Pfandgutschein eingesteckt hat. Auch die Abzocker im großen Stil können sich nicht mehr sicher sein.

Neue Energie

Der Strukturwandel in der Energiebranche hinterlässt seine Spuren: Heute endete nach 100 Jahren der Steinkohlebergbau am Niederrhein, die letzte Zeche dort macht dicht. Zugleich verkündet der Energieriese EnBW, dass unter anderem wegen des Atomausstiegs 1350 Stellen abgebaut werden. Aber es entsteht auch Neues und bei aller berechtigten Kritik an der mangelhaften Umsetzung der Energiewende, ist es grundsätzlich gut, dass Deutschland eine Vorreiterrolle bei der Nutzung der erneuerbaren Energien einnimmt. Eine Alternative haben wir langfristig ohnehin nicht.

Was fehlt? Heute ist mein letzter Arbeitstag als stellvertretender Chefredakteur von Handelsblatt Online. Ab Januar starte ich im neuen Job als Managing Editor des Handelsblatts. Dort bin ich zuständig für die Tagesproduktion der Zeitung, aber auch für die Koordination von Print, Online und den neuen Digital-Apps. Die Kolumne werde ich aber weiter schreiben – und hoffe, zu Ihrem Vergnügen. Wenn Sie Anregungen, Lob oder Kritik haben, melden Sie sich doch bei mir: kolf@handelsblatt.com

Ich wünsche Ihnen erholsame und segensreiche Feiertage und einen guten Start ins neue Jahr.

Florian Kolf

Diskutieren Sie mit dem Autor auf Facebook

  • 21.12.2012, 20:32 UhrFigures

    Ihre (vordergründig rein quantitative) Quasi-Gleichsetzung von Bezahlung des Schuldenbergs mit den Aufwendungen für Hartz4-Empfänger empfinde ich als höchst fahrlässig. So mancher Leser denkt sich gleich: Handstreichartig weg mit beiden Lasten, die ihm möglicherweise gleichermaßen als verschwendetes Geld erscheinen. Wann endlich sehen noch mehr Konservative ein, dass Lohndrückerei keine unternehmerische Leistung ist. Wir brauchen den Mindestlohn nicht nur zur Absicherung der Arbeitnehmer. Viel wichtiger ist er für die Arbeitgeber: Er zeigt ihnen ganz klar, dass sie den Fokus der Erfolgssteigerung in andere Bereiche der Unternehmensführung verlegen müssen. Den Steuerzahler behumsen mit Lohnaufstockung bei Vollzeit-Erwerbstätigen und Ergänzungsleistung bei deren Rente ist eine fiese kleinkarierte Räuberei, die mit souveräner Unternehmensführung wirklich gar nicht zu tun hat. Es muss dringend auch solide Konservative geben, die das klar aussprechen.

  • 21.12.2012, 19:48 UhrBrasil

    Alles Gute fuer ihren neuen Job!
    Der geneigte Leser haette sich gewuenscht, dass sie bald den Posten des Chefredakteurs uebernehmen! Der ist ueberfaellig aus meiner Sicht, aber kritischen Machern ist sowas wohlç versagt, leider!
    Was nicht ist, kann aber noch werden, zumindest wenn der politische Druck auf die Medien mal abnimmt und das wird sein, wenn sich das Volk mal aufrafft, sich gegen ihre wuchernden Parasiten zu wehren! In Deutschland brauchts da allerdings eine Fuehrerfigur und die wird hoffentlich bald erwachen! Hoffen wirs mal.

  • Kommentare
Gastkommentar: Frauentausch im Sinne Europas

Frauentausch im Sinne Europas

Am Wochenende entscheidet der EU-Gipfel über einen neuen europäischen Außenminister. Die Anforderungen für das Amt sind klar. Doch der FDP-Europapolitiker Graf Lambsdorff meint: Die Favoritin ist die Falsche für den Job.

Kommentar: Wenn Wowereit ein CEO wäre...

Wenn Wowereit ein CEO wäre...

... dann würde die Aktie von Berlin heute einen Luftsprung machen. Warum Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit zur Belastung wurde. Ein Kommentar.

  • Kolumnen
Der Werber-Rat: Wie Deutschland wieder sportlicher werden kann

Wie Deutschland wieder sportlicher werden kann

Fußball und Formel 1 – das sind die Sportarten, in denen Deutschland glänzt. Doch was ist mit den anderen? Warum führt sie in der größten Volkswirtschaft Europas ein Schattendasein? Eine Lösung kommt aus Großbritannien.

Was vom Tage bleibt: Die Spirale dreht sich weiter

Die Spirale dreht sich weiter

Der Westen plant neue Sanktionen gegen Russland, die Ukraine will in die Nato. Abercrombie & Fitch leidet, Tesco fürchtet deutsche Konkurrenz und Obama wird für seine Anzüge kritisiert. Der Tagesrückblick.

What's right?: Hollande im Schröder-Dilemma

Hollande im Schröder-Dilemma

Die nächste Regierungskrise erschüttert Frankreich. François Hollande gerät in eine Situation wie Gerhard Schröder 2003. Das Land braucht liberale Reformen, seine Sozialisten blockieren. Doch der Präsident zeigt Mut.

  • Gastbeiträge
Gastbeitrag: Waffenlieferungen sind kein Ersatz für Sicherheitspolitik

Waffenlieferungen sind kein Ersatz für Sicherheitspolitik

Die Debatte über die Lieferung von Waffen an die irakischen Kurden zeigt, dass Rüstungsexporte zunehmend zum Ersatz für westliche Sicherheitspolitik werden. Diese Entwicklung ist gefährlich.

Gastbeitrag Frank Schäffler: Die FDP darf nicht sozialdemokratisch werden!

Die FDP darf nicht sozialdemokratisch werden!

Nur ein klarer Kurs der Bundesspitze hilft der FDP in Sachsen, Brandenburg und Thüringen bei den schwierigen Landtagswahlen, meint FDP-Rebell Frank Schäffler. Doch die Parteispitze hat anderes vor: Annäherung an die SPD.

Gastbeitrag: Warnung vor dem Tarifkartell

Warnung vor dem Tarifkartell

Die Koalition will die Streikmacht kleiner Gewerkschaften begrenzen. Dagegen regt sich Widerstand. CDU-Wirtschaftspolitiker Metzger warnt davor, am hohen Gut der grundgesetzlich geschützten Koalitionsfreiheit zu rütteln.

  • Presseschau
Presseschau: Landesbanken: NordLB hui, Portigon pfui

Landesbanken: NordLB hui, Portigon pfui

WestLB-Nachfolger Portigon rutscht tiefer in die roten Zahlen. Angst vor dem Stresstest haben die Landesbanken alle nicht - und widersprechen damit den Erwartungen angelsächsischer Investoren, so die Wirtschaftsmedien.