Was vom Tage bleibt
Perverse Zahlenspiele

Der Steuerbürger zahlt so viel wie nie, den Konsumenten vergeht die Lust auf Shopping, die Kohle geht aus und ein Abzocker wandert in den Knast. Der Tagesrückblick
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Wunderschönen guten Abend,

Sisyphos lässt grüßen

Es sind Zahlen, die einen schwindelig werden lassen. Rund 600 Milliarden Euro wird der deutsche Staat wohl in diesem Jahr an Steuern einnehmen – so viel wie nie zuvor. Schon deswegen hat das Handelsblatt den Steuerzahler zur Person des Jahres 2012 gekürt. Im Grunde kann man ihn mit Sisyphos vergleichen – er zahlt und zahlt und es reicht doch nicht. Denn Finanzminister Wolfgang Schäuble wird im kommenden Jahr wieder 25 Milliarden Euro an neuen Schulden aufnehmen. Und die perverseste Zahl: Mehr als 30 Milliarden Euro zahlt der Bund allein für den Schuldenberg – fast genau der Betrag, der pro Jahr für Hartz-IV-Empfänger aufgewendet wird.

Keine Lust auf Konsum

Dass den Deutschen da die Lust am Shoppen etwas vergeht, ist mehr als verständlich. Wie die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) heute mitteilte, ist das Konsumklima-Barometer auf den tiefsten Stand seit Dezember 2011 gefallen. Der private Konsum galt bisher dank der guten Arbeitsmarktlage und der Aussicht auf höhere Einkommen als Bollwerk gegen die Schuldenkrise. Wenn sich nun die Stimmung dreht, kann das fatal sein. Und das Schlimmste ist: Uns steht ein Jahr bevor mit Dauerwahlkampf. Wie soll der Bürger da Mut fassen, dass es vorwärts geht?

Keine Gnade für Abzocker

Dieses Urteil wird viele Mitarbeiter von Media Markt mit Genugtuung erfüllt haben: Ihr ehemaliger Chef Michael Rook muss für mehr als fünf Jahre in den Knast. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er sich in großem Stil von einem Unternehmer für Aufträge hat schmieren lassen. Das Urteil sendet ein gutes Signal: Es wird eben nicht nur die kleine Kassiererin dafür bestraft, dass sie einen Pfandgutschein eingesteckt hat. Auch die Abzocker im großen Stil können sich nicht mehr sicher sein.

Neue Energie

Der Strukturwandel in der Energiebranche hinterlässt seine Spuren: Heute endete nach 100 Jahren der Steinkohlebergbau am Niederrhein, die letzte Zeche dort macht dicht. Zugleich verkündet der Energieriese EnBW, dass unter anderem wegen des Atomausstiegs 1350 Stellen abgebaut werden. Aber es entsteht auch Neues und bei aller berechtigten Kritik an der mangelhaften Umsetzung der Energiewende, ist es grundsätzlich gut, dass Deutschland eine Vorreiterrolle bei der Nutzung der erneuerbaren Energien einnimmt. Eine Alternative haben wir langfristig ohnehin nicht.

Was fehlt? Heute ist mein letzter Arbeitstag als stellvertretender Chefredakteur von Handelsblatt Online. Ab Januar starte ich im neuen Job als Managing Editor des Handelsblatts. Dort bin ich zuständig für die Tagesproduktion der Zeitung, aber auch für die Koordination von Print, Online und den neuen Digital-Apps. Die Kolumne werde ich aber weiter schreiben – und hoffe, zu Ihrem Vergnügen. Wenn Sie Anregungen, Lob oder Kritik haben, melden Sie sich doch bei mir: kolf@handelsblatt.com

Ich wünsche Ihnen erholsame und segensreiche Feiertage und einen guten Start ins neue Jahr.

Florian Kolf

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Kommentare zu "Perverse Zahlenspiele"

Alle Kommentare
  • Alles Gute fuer ihren neuen Job!
    Der geneigte Leser haette sich gewuenscht, dass sie bald den Posten des Chefredakteurs uebernehmen! Der ist ueberfaellig aus meiner Sicht, aber kritischen Machern ist sowas wohlç versagt, leider!
    Was nicht ist, kann aber noch werden, zumindest wenn der politische Druck auf die Medien mal abnimmt und das wird sein, wenn sich das Volk mal aufrafft, sich gegen ihre wuchernden Parasiten zu wehren! In Deutschland brauchts da allerdings eine Fuehrerfigur und die wird hoffentlich bald erwachen! Hoffen wirs mal.

  • Ihre (vordergründig rein quantitative) Quasi-Gleichsetzung von Bezahlung des Schuldenbergs mit den Aufwendungen für Hartz4-Empfänger empfinde ich als höchst fahrlässig. So mancher Leser denkt sich gleich: Handstreichartig weg mit beiden Lasten, die ihm möglicherweise gleichermaßen als verschwendetes Geld erscheinen. Wann endlich sehen noch mehr Konservative ein, dass Lohndrückerei keine unternehmerische Leistung ist. Wir brauchen den Mindestlohn nicht nur zur Absicherung der Arbeitnehmer. Viel wichtiger ist er für die Arbeitgeber: Er zeigt ihnen ganz klar, dass sie den Fokus der Erfolgssteigerung in andere Bereiche der Unternehmensführung verlegen müssen. Den Steuerzahler behumsen mit Lohnaufstockung bei Vollzeit-Erwerbstätigen und Ergänzungsleistung bei deren Rente ist eine fiese kleinkarierte Räuberei, die mit souveräner Unternehmensführung wirklich gar nicht zu tun hat. Es muss dringend auch solide Konservative geben, die das klar aussprechen.

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