Was vom Tage bleibt
Schlag nach bei Bismarck

Merkel steht innen wie außen unter Druck. BMW behandelt Chinesen besser als Schweizer. Obermann sucht Ideen. Und Berggruen findet Schlecker. Der Tagesbericht.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Bismarck grüßt

Wenn's mit der Innenpolitik hapert, mache ich eben mehr Außenpolitik - dieses Rezept der Staatslenker seit Bismarck geht für Angela Merkel immer weniger auf. In Deutschland ist mit strikter Sparpolitik, die gepaart mit dem Rauswurf eines Ministers den Anschein sozialer Kälte weckt, keine Wahl zu gewinnen. Bisher konnte Merkel das kompensieren und sich als europäische Anführerin bewundern lassen. Aber nun schallen ihr von außen die gleichen Stimmen entgegen. Stimmen, die das das Schulden machen fordern. Hoffentlich bleibt sie so gelassen wie Bismarck. "Gegen die Regierung mit allen Mitteln zu kämpfen ist ja ein Grundrecht und Sport eines jeden Deutschen", sagte der und gründete beispielsweise den Norddeutschen Bund, über den sich Frankreich königlich ärgerte.

Spanische Grippe

Deutsche Banken und Versicherungen sind allein in Spanien mit Krediten und Vermögensanlagen engagiert, die sich auf weit über 100 Milliarden Euro belaufen. Das hat Finanzstaatssekretärs Hartmut Koschyk (CSU) dem FDP-Bundestagsabgeordneten Frank Schäffler erklärt, der danach gefragt hatte. Und Schäffler hat es natürlich gleich weiter erzählt. Das wiederum hat weniger den Hintergrund, dass Schäffler eine drohende Gefahr sieht, als vielmehr den, dass er betonen will, wie recht er hat. Denn Schäffler gehört zu den Euroskeptikern und die sehen sich durch jedes neue Krisensymptom bestätigt.

Arme, reiche Schweizer

Nirgendwo verkauft BMW mehr Autos als in China. Mit der Eröffnung eines zweiten Werks dort verdoppeln die Münchner jetzt ihre China-Kapazitäten auf 200.000 Fahrzeuge. Während also China aus allen Rohren beliefert wird, wird ein anderes Land knapp gehalten: die Schweiz. BMW habe seinen europäischen Händlern verboten, Neuwagen der Marken BMW und Mini an Schweizer zu verkaufen, glaubt die Wettbewerbskommission in Bern und verhängt ein Bußgeld von 130 Millionen Euro. Wo liegt die Logik? Wer schon viel Geld hat, wie die Schweizer, der soll teuer beim BMW-Händler vor Ort kaufen. Wer dagegen erst auf dem Weg ist, viel zu haben, wie die Chinesen, der muss natürlich noch angefüttert werden. Es dürften aber nur wirklich hartgesottene Schweizer BMW-Fans sich wünschen, lieber ein Chinese zu sein.

Sexy Startups

Telekom-Chef Rene Obermann hatte heute Hauptversammlungstag. Sein Problem: Der Konzern betreibt jene teure Internet-Infrastruktur, ohne die im 21. Jahrhundert gar nichts mehr geht. Doch Gratis-Dienste wie Skype machen es Obermann schwer mit seinen Netzen Geld zu verdienen. Obermanns Antwort: Er kauft sich in Startups ein. Internet-gestützte Stromzähler zum Beispiel. Ob die jemals so sexy sind wie Google oder Facebook (ja trotz allem und gerade deswegen!) haben die Aktionäre bei der Versammlung in Köln heute lautstark bezweifelt.

Diätprogramm

Die 550 000 Chemiearbeiter in Deutschland erhalten 4,5 Prozent mehr Geld. Der Tarifvertrag hat eine Laufzeit von 19 Monaten und reicht damit in etwa an das, was die anderen Branchen vorgelegt haben. Abzüglich Inflation bleiben den deutschen Arbeitnehmern nicht einmal ein Prozent mehr Lohn pro Jahr im Geldbeutel. Und selbst die paar Euro werden locker von steigenden Energiepreisen aufgezehrt. Ein Wachstumsprogramm sieht anders aus.

Rettersyndrom?

Nicolas Berggruen steigt in den Ring, um für Schlecker zu bieten. Hat der Mann ein Rettersyndrom? Eher nicht. Ihm geht es um die Deutsche Warenhaus AG. Karstadt hat er, Schlecker wäre ein Puzzle-Teilchen, auf Kaufhof muss er noch ein bisschen warten.

Hase ohne Patentschutz

Jetzt hat der Streit ums Urheberrecht auch den Gold-Schokoladehasen des Schweizer Herstellers Lindt & Sprüngli erwischt. Weil Goldfolie, rotes Halsband und Glöckchen nicht genügend Merkmale sind, um einen Hasen zu einem unverwechselbaren Hasen zu machen, bleibt Lindt der EU-weite Markenschutz versagt. Das hat der Europäische Gerichtshof heute bestätigt. Piraten dürften ihn trotzdem nicht nachmachen, weil nationale Markenschutzrechte es verbieten. Wenn Sie dem Hasen allerdings eine Augenklappe verpassen - dann könnte es gehen.

Einen süßen Abend wünscht Ihnen

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Was vom Tage bleibt: Schlag nach bei Bismarck"

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  • Bismarck verstand es souverän mit vier Kugeln aussenpolitisch zu jonglieren. Die relavanten Mächte seinerzeit waren Russland, England, Frankreich und die K.u.K Monarchie. Die Osmanen (Krimkrieg) spielten auch eine gewissse Rolle. Nach dem erzwungenen Rücktritt Bismarcks waren seine weniger intelligenten Nachfolger allerdings nicht in der Lage, dieses komplizierte Spiel weiter in gewohnter Manier zu spielen und machten erhebliche Fehler, die schließlich zu einer krisenhaften Entwicklung führten, die in den Weltkrieg1 mündeten.
    Kündigung das Rücksicherungsvertrages Russland-deutsches Reich, damit Annäherung Frankreich-Russland, Flottenpolitik, damit Vergräzung Englands, alleinige Anbindung an Östreich-Ungarn, waren die Stationen.
    Eine Annäherung Deutschland-England, die Politik Baron Hosteins scheiterte. Usw.
    Mangelnde Intelligenz und mangelnde strategische Urteilskraft handelnder Politiker sind immer ein Risikofaktor.

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